Gottesdienst zur Pfarreigründung von Katharina von Bora, Coburg

Predigt zum Lukasevangelium, Kapitel 24, 45-52, von Regionalbischöfin Dr. Greiner im Gottesdienst an Himmelfahrt, 30.05.2019

Liebe Gemeinde,
ich freue mich heute bei Ihnen zu sein, nachdem ich bei der Einweihung dieses Gottesdienstraumes dienstlich verhindert war. Doch Pfarrer Juranek hat mich nun anlässlich der Pfarreiwerdung von Katharina von Bora erneut freundlich eingeladen. Ich bin sehr gerne hier bei Ihnen, um dies mit Ihnen zu feiern und natürlich Himmelfahrt – zusammen mit Gemeindegliedern aus Matthäus und mit Ihnen allen.
Für das Himmelfahrtsfest ist als Evangelium die Geschichte der Himmelfahrt Jesus vorgesehen. Die lese ich uns vor. Sie steht im Lukasevangelium, Kapitel 24, 45-52:
„Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Von Jerusalem an seid ihr dafür Zeugen. Und siehe, ich sende auf euch, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe. Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.
Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“
Jesus hält seine letzte Predigt. Er vertraut den Jüngern den Kern der Botschaft an, den sie Zukunft weitertragen sollen:
Er, Christus, ist gestorben und am dritten Tage auferstanden von den Toten.
Diese Botschaft bekennen wir seit damals fast wortwörtlich im Glaubensbekenntnis. Auch unsere Katharina von Bora-Kirche hier bekennt dies mit:
Wenn wir diesen Kirchenraum betreten, fällt das Kreuz ins Auge. Es leuchtet, denn wir glauben: Der am Kreuz allen vergebende Christus ist auferstanden und lebt.
Diese Auferstehungsbotschaft wird verstärkt durch das Glasfenster, auf das 348 Gemeindeglieder mit ihren Schriftzügen geschrieben haben „vivit“: Er lebt. Alle Unterzeichnenden haben getan, was Jesus aufgetragen hat: Seine Auferstehung weiterzutragen. Der Schriftzug derer, die bereits seitdem verstorben sind, wirkt fast noch bedeutsamer. Ihr Schriftzug bedeutet: Christus lebt und ich lebe bei ihm.

Jesus fährt fort in seiner Predigt und sagt voraus, dass gepredigt wird „in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern“. Und er sagt zu seinen Jüngern: Ihr seid dafür Zeugen.
Liebe Gemeinde und auch Sie sind dafür Zeugen. Das Predigen unter allen Völkern war nach Jesu Himmelfahrt zunächst eine Sendung von Jerusalem in andere Länder. Thomas wanderte nach Indien, Bartholomäus nach Armenien, Petrus und Paulus nach Rom.
Heute kommen Menschen anderer Völker zu uns. Sie in liebevoller Weise aufzunehmen, geschart um den Auferstandenen - davon ist Katharina von Bora in ganz besonderer und guter Weise geprägt. - Liebe Gemeindeglieder aus Matthäus und Markus verzeiht bitte, dass ich anlässlich der Pfarreineugründung von Katharina von Bora heute mehr von dieser Gemeinde spreche. Doch Ihr wisst Euch ja mit ihr verbunden!
Nach dem Krieg fanden in den 60-er Jahren Menschen aus Schlesien, aus dem Baltikum und anderen Ländern eine neue Heimat im Wohngebiet umfasst vom Heimatring. Für dieses neue Demo-Siedlungsgebiet und weitere Häuser entstand - zur Markuskirchengemeinde gehörig - 1971/72 die Katharina von Bora-Kirche.
Vielleicht war es die hier gepflegte innige, konservative Frömmigkeit, die dazu half integrativ, liebevoll die nächste Flüchtlingswelle der Russland-deutschen in den 90er-Jahren aufzunehmen.
Freilich war das eine große menschliche und christliche Herausforderung. Doch das 1996 begonnene Projekt von Stadt und Evangelischer Jugend zur Integration der Jugendlichen gelang. Zeitweise hatte die Kindertagesstätte nebenan über 75% Kinder mit Migrationshintergrund – nun in den letzten Jahren aus arabischen Ländern.

Christen sind von Christus gesandt zu allen Völkern. Buße sollen wir - laut unsrem Bibelwort - verkünden. Buße/Umkehr ist eine zweifache Bewegung: Hin zum Vater im Himmel, der uns in Liebe vergibt; und in dieser erlebten Liebe hin zu den Menschen.
Buße/Bekehrung ist erst durch diese zwei-schenkelige Kehre vollständig: stets hin zu Gott, hin zu Christus und - erlöst von Schuld, befreit zur Liebe - hin zu allen Menschen, die uns begegnen.
Diese Gemeinde ist stark in der Liebe zu Menschen unterschiedlichster Herkunft, Prägung und Lebens-stils. In dieser Bußbewegung - hin zu Gott und in seiner Liebe zu den Menschen - entstand hier in dieser Gemeinde sogar die Schubkraft 12 Menschen durch ein Kirchenasyl hindurchzutragen.
Durch diese Verkündigung in Wort und Tat geschieht es auch, dass Menschen anderer Völker Christen werden wollen. So ließ sich eine drusische Frau, die hier im Kirchenasyl war, zusammen mit ihrem Mann und ihrem Kind taufen. Menschen aus dem Iran gehören inzwischen fest zur Gemeinde. Jesus sendet zu allen Völkern. Diese Gemeinde nimmt diese Sendung an. Danke. Gottes Segen für diesen Weg.

Vom Segen handelt ja auch der letzte Teil des Bibelwortes. An Himmelfahrt feiern wir, dass Jesus die Jünger segnet und - eben nicht weg ist, sondern - in seinem Segen bei ihnen bleibt.
Sie alle hier im Raum wurden schon gesegnet - und eigentlich können wir vom Segen nie genug bekommen. Kein Gottesdienst endet ohne Segen. Sie wären irritiert, wenn zum Schluss kein Segen käme. Warum?
Weil gesegnet zu werden bedeutet: Gott geht mit und schenkt Frieden, Frieden mit ihm, Frieden untereinander, auch Frieden mit sich selbst.
Im Roman „Hiob“ von Josef Roth bringt eine Frau ihren schwer behinderten Sohn zum Pfarrer, damit er ihn segnet und er gesundet. Es ändert sich lange, lange Zeit nichts, scheinbar. Sie schreit: „Wann, wann, wann wirkt der Segen?“ Da macht ihr der Geistliche deutlich: Ein Fluch, ein Hasswort wirkt sofort, entfaltet sofort seine zerstörerische Kraft. Ein Segen - Inbegriff liebevoller Zuwendung - wird in seiner Wirkung oft nicht gleich sichtbar. Er braucht oft länger bis er sich entfaltet - doch ist stärker als alle Flüche und Leiden dieser Welt.
Das erfährt diese Frau auch. Der Segen gibt ihr die Kraft, ihren Sohn weiter in Liebe zu tragen, sodass sich seine besonderen Gaben entfalten können.
Segen entfaltet sich eben doch bei gesegneten Menschen. Friede setzt sich durch bei ihnen. Manchmal dauert es. Doch Ihr Lieben,  vertraut als Menschen und als Gemeinden darauf, dass der Segen Gottes wirkt und Friede sich durchsetzt.

Auch bei Katharina von Bora hat es gedauert bis der Friede Gottes sich durchgesetzt hat.
Der Start für Katharina von Bora war nicht einfach. Die Muttergemeinde Markus war geprägt von alternativen offenen Gottesdienstformen. Hier dagegen wollte man den ganz normalen, typischen Gottesdienst. Eigentlich ist beides gut, doch es bestanden eben Spannungen und auch die Geistlichen verstanden sich nicht wirklich.
Ein Gemeindeberatungsprozess scheiterte in den 90er Jahren. Ein zweiter Prozess um die Jahrtausendwende hatte als Ergebnis, dass Trennung sinnvoll ist. Katharina von Bora wollte selbständig sein.
Der Landeskirchenrat befürwortete, dass Katharina von Bora ab 2006 eigene Kirchengemeinde wurde, mit eigenem Kirchenvorstand und Haushalt, doch ohne eigene Gemeindeverwaltung. Katharina von Bora musste also zu einer anderen Pfarrei gehören.
Annäherungsversuche mit Matthäus scheiterten. Pro forma kam Katharina von Bora zu Heilig Kreuz. Eine Scheinehe -  ohne gelebtes Miteinander.
Im Jahr 2015 stellte der Kirchenvorstand erneut den Antrag, eigene Pfarrei zu sein, mit eigenem Pfarrbüro. Der Dekanatsausschuss war dagegen und betonte, dass es gegenwärtig darum geht, Verbünde zu bilden und Kooperationen zu stärken - nicht aufzukündigen.
Doch der Dekanatsausschuss ließ sich überzeugen, dass durch die Trennung von Heilig Kreuz die anderen Kooperationen wachsen können. So beschlossen auch wir im Landeskirchenrat im Advent letzten Jahres die eigenständige Pfarrei Katharina von Bora.
Es passt, dass wir die Pfarreibildung heute feiern und dies mit Matthäus tun, mit denen schon lange der Himmelfahrtsgottesdienst gemeinsam gefeiert wird. Auch zu Markus ist eine neue Verbindung gewachsen, sodass der Konfirmandenunterricht sogar in Kooperation gehalten wird. Wer hätte in jenen Konflikten vor 40, ja noch vor 12 Jahren gedacht, dass das einmal freiwillig geschieht?!
Die Jünger, die von Jesus gesegnet wurden, waren auch nur Menschen. Die Leitungen und Gemeindeglieder in Katharina von Bora, Matthäus und Markus waren und sind auch nur Menschen. Konflikte sind allzu menschlich. Auch unser Zusammenleben in unseren Familien lässt manchmal wenig vom Frieden Gottes ahnen.
Doch die Frage ist, welchen Einflüssen wir selbst uns aussetzen. Christen ersehnen Gottes Geist, gerade heute an Himmelfahrt. Wir öffnen uns ihm und empfangen seinen Segen am Ende des Gottesdienstes.
Oft spüren wir die Auswirkung des Segens nicht gleich, manchmal fragen wir wie jene Frau „wann, wann, wann“ werde ich den Segen Gottes im Alltag erfahren – im Gemeindeleben oder im persönlichen Leben. Doch jede biblische Geschichte, die vom Segen handelt, erzählt, dass er doch wirkt.
Auch wir hier sind Auswirkung des Segens Christi. Aus den wenigen Jüngern damals - gesegnet durch Christus - wurden viele Christen weltweit bis hierher in Coburg. Hätten die Jünger damals das je vermutet? Dort, wo Menschen sich dem Segen aussetzen, ihn aufnehmen, wird sich über kurz oder lang der Segen entfalten und der Friede Gottes sich durchsetzen.

Unser Bibelwort weist den Weg für uns:
Wir verkündigen den auferstandenen Christus, vivit - er lebt;
wir leben die Buße, die Hinwendung zu unserem vergebenden Gott und in seiner Liebe zu den Menschen aller Völker;
und wir gehen diesen Weg in die Zukunft mit seinem Segen, der wirkt und Frieden schenkt.
Amen.