Ordination des Ehepaares Inge und Michael Braun in der Johanneskirche zu Neustädtlein

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am Samstag vor dem Erntedankfest, 3. Oktober 2015 zu Markus 12,30f

Liebe Festgottesdienstgemeinde,
vor allem liebe Ordinanden Inge und Michael Braun,

morgen wird in den meisten Gemeinden Erntedank gefeiert – in Neustädtlein aus gegebenem Anlass erst nächstes Wochenende. Und doch ist unser Herz auch heute voll Dankbarkeit, nicht nur wegen des heutigen Tages der deutschen Einheit.

Seit 1. Mai 2014 war die Stelle im Amtsblatt ausgeschrieben. Zum 1. Juli 2014 wechselte Pfarrer Wolfgang Maisel nach Emtmannsberg. Dass sich niemand hierher bewarb, hat uns alle betrübt und ich habe es auch nicht verstanden, denn das ist eine schöne Stelle. Doch vielleicht sollte es so sein, dass dieser Platz frei blieb für Sie beide, liebes Ehepaar Braun. Alle aus den Kirchengemeinden Neustädtlein, Busbach und Eckersdorf, der Dekan, die Kollegen und ich, wir sind dankbar, dass zwei junge Pfarrersleute seit 1.9. hier mit dem Pfarrdienst begonnen haben. Auch danke ich herzlich allen, die mit vertreten haben und geholfen haben, die Vakanz zu überbrücken.
Und Sie, liebes Ehepaar Braun sind nun dankbar, in diese Pfarrei gekommen zu sein, weil Sie ja tatsächlich auch hierher wollten und diese Stelle bei der Entsendung als Ihre erste Priorität angegeben haben.

Wenn an diesem Wochenende nicht Erntedank gefeiert wird, dann ist – nach der Ordnung der Predigttexte, das so genannte Doppelgebot der Liebe unser Bibelwort. Es ist ein Grundtext für christliches Leben. Sie beide, liebes Ehepaar Braun werden dieses Doppelgebot im Religions– und Konfirmandenunterricht behandeln und darüber predigen. Auch im Beichtgottesdienst wird es häufig vorgelesen – als Spiegel in den wir schauen. Und wenn wir in den Spiegel dieses Gebotes schauen, dann sehen wir, dass wir ihm eben oft nicht entsprechen mit unserem Leben. Es ist das wichtigste und vornehmste Gebot – sagt Jesus; und kein Mensch kann es ganz erfüllen. „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, und von ganzem Gemüt und von allen Deinen Kräften. Das andere ist dies: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“ Wir scheitern an diesem Gebot immer wieder, brauchen Gottes Vergebungszuspruch. Doch dies deprimiert uns nicht, denn erstens dürfen wir Sünder sein, zweitens gibt uns der Vater im Himmel den Heiligen Geist, der die Liebe in uns stärkt, sodass wir zeitlebens in ihr wachsen.

Es ist wohl auch die Liebe sowohl zu Gott als auch zu den Menschen, die Sie beide, liebes Ehepaar Braun in den Pfarrberuf geführt hat. Sie, liebe Frau Braun, wurden als Inge Ströhla in Münchberg vor bald 30 Jahren geboren. Sie sind hineingewachsen in die Liebe zu Gott durch Ihr Elternhaus, die Gruppen und Kreise des CVJM, den Besuch des Kindergottesdienstes und später des normalen Sonntagsgottesdienstes. So sind Sie ein Mensch geworden, der sich durch das Wort Gottes nährt und andere nähren kann.
Spätestens als Sie dann die  Mädchenjungschar selbst leiteten, wurde Ihnen vermutlich intuitiv bewusst, dass wir keinen Menschen hinführen können zur Liebe zu Gott, ohne Liebe zu diesem Menschen. In unserem Beruf muss beides zusammenkommen. Sie werden gewiss eine liebevolle Lehrerin des Doppelgebotes der Liebe werden – nicht nur im Unterricht, sondern auch auf der Kanzel und in der Seelsorge. Dass Frauen lehren war Ihnen nicht selbstverständlich. Doch Ihr Vater ermutigte sie und auch andere. Und letztlich wird es auch Christus selbst gewesen sein, der auch Maria Magdalena sandte, das Auferstehungsevangelium zu verkünden.
So folgte nach dem Abitur das Studium der Theologie in Neuendettelsau und Tübingen, die Heirat mit Ihrem lieben Mann im Sommer vor vier Jahren, dann das Erste Theologische Examen im Herbst 2012, der Vorbereitungsdienst bei Pfarrer Lehner in Oberampfrach bei Feuchtwangen, das 2. Examen und die Aufnahme in den Probedienst zum 1.9. , sodass sie nun vor der Ordination stehen.

Ihr Lebensweg, lieber Michael Braun begann im Süden Bayerns. Sie sind in Garmisch–Partenkirchen geboren. Bei Ihnen war es vor allem die Mutter, die Sie ins Beten und die biblischen Geschichten einführte. Als Sie sich nach der Konfirmation vom Glauben und der Kirche distanzierten, fand ein Religionslehrer den Zugang zu Ihnen und weckte neu die Flamme des Glaubens. Sie gewannen den Eindruck, dass Gott Sie führt und absolvierten Ihr Praxisjahr bewusst in einem Altenheim der Altpietisten.
Zu lernen in den zeitlich gepressten Abläufen in der Pflege Gesten und Zeichen der Liebe zu streuen, ist eine große Kunst und zugleich so wichtig. Und es gilt – gerade im helfenden Beruf – gesund zu bleiben, genügend echte Selbstliebe zu haben. Solche Erfahrungen gemacht zu haben, hat Sie bestimmt reifen lassen. Schön, dass Sie als junger Mensch schon Zugang gewonnen haben zu diesem Arbeitsfeld.
Auch Sie studierten an denselben Orten Theologie wie Ihre Freundin bzw. Ehefrau Inge. Und auch Ihr Vorbereitungsdienst war bei Feuchtwangen, in Mosbach bei Pfarrer Wild. Und nun stehen auch Sie unmittelbar vor Ihrer Ordination.

Warum, eigentlich, ordinieren wir in unserer Kirche? Warum muss da die Regionalbischöfin kommen? Warum geht das nicht, wie sonst auch, wenn ein Pfarrer eine Stelle antritt? Da leitet der Dekan die Feier und segnet für diesen konkreten Dienst in dieser Gemeinde. So Gott will, wird er das auch in drei Jahren tun bei Ihrer so genannten Installation. Da wird ihnen dann diese Pfarrstelle fest verliehen, nachdem der Probedienst – wie ohne Zweifel zu erwarten ist – erfolgreich absolviert ist.
Doch warum nun zu Beginn des Pfarrdienstes die Ordination? Jeder getaufte Christ ist gerufen, Gott  zu lieben von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst. Auch sollen Vater, Mutter, Patentante und -onkel die Kinder einführen in die Gottesliebe, ins Beten, Bibellesen und in den Kirchgang und in die Liebe zu allen Menschen. Das ist Aufgabe der Familien.
Es braucht zum einen die private Einübung in Frömmigkeit und zum andern die öffentliche: Die Gottesdienste, die Sakramente Taufe und Abendmahl, die Begleitung der Familien bei Höhepunkten wie der Hochzeit und Tiefpunkten wie der Beerdigung. Es braucht Menschen, die diese Feiern und die Verkündigung in der Öffentlichkeit leiten und auch Menschen, die im geschützten Rahmen der Seelsorge die Vergebung Gottes zusprechen. Das vertraut unsere Kirche nur dafür ausgebildeten und dafür geeigneten Menschen an. Und in der Ordination geschieht die Berufung in dieses Amt der öffentlichen Verkündigung und Sakramentsverwaltung.
Und weil dieser Dienst so entscheidend wichtig ist für unsere Kirche, ist es auch kirchenleitende Entscheidung und bischöfliches Handeln zu ordinieren. Doch zum einen ordiniere ich nicht allein, sondern zusammen mit Ihnen allen, die mitbeten. Und zum anderen würde mein und unser aller Handeln nichts nützen, wenn Gott nicht selbst wirken würde. Wir vertrauen darauf, dass Christus selbst heute beruft, segnet und sendet.
Würden die beiden nicht ordiniert, müssten Sie wieder aus dem Pfarrerdienstverhältnis entlassen werden. Bei jedem Stellenantritt werden Sie beide erinnert werden an das in der Ordination gegebene Versprechen und die geschehene Berufung, Segnung und Sendung. Und die Ordination gilt über den Ruhestand hinaus bis wir sterben. Das ist – so Gott will – noch lang hin, doch das zeigt: Sie verbindet sich mit dem Leben. Wir haben nicht die Ordination erhalten, sondern wir sind Ordinierte. Damit sind wir nichts Besseres. Vielmehr haben wir zu diesem Amt die Hilfe Gottes besonders nötig. Sie beide können darauf vertrauen, dass Sie für diesen Dienst und für das Leben in diesem Dienst gesegnet sind. Gott steht Ihnen zur Seite, führt und leitet sie, stärkt und schützt Sie. Hören Sie auf seine Stimme. Pflegen Sie auch selbst ihre Liebe zu Gott durch das Beten und Lesen der Heiligen Schrift für Sie selbst und nicht nur zweckgebunden für Predigten. Nehmen Sie sich auch genügend Zeit für die Liebe zueinander in Ihrer Ehe. Der Nächste ist ja auch der Ehepartner.

Nun ist es also Ihre Aufgabe die Menschen zu stärken in der Erfüllung des Doppelgebotes der Liebe. Es gilt zuerst die Liebe zu Gott zu fördern. D.h. es gilt Menschen anzuleiten, zum Beten, zum Bibellesen, zum Besuch des Gottesdienstes, denn durch die Liebe zu unserem liebevollen Gott gewinnt auch unsere Liebe zum Nächsten Kraft und Orientierung. In Ihren Gemeinden zeigt sich viel Liebe zu Gott und zum Gottesdienst, wenn etwa in Busbach bei nur knapp 250 Gemeindegliedern und in Neustädtlein bei knapp 340 Gemeindegliedern jeweils Posaunen– und Kirchenchöre da sind sowie Kindergottesdienst gehalten wird. Außerdem brachten die Kirchenvorstände zum Ausdruck, dass die Gemeinde geleitet werden will und sich leiten lässt durch Seelsorge. Solche Offenheit für Gott ist wunderbar. Darum: beten Sie mit den Menschen, wenn Sie sie besuchen, wenn es irgend passt. Sprechen Sie Ihnen ein Bibelwort zu. Menschen sind oft sehnsüchtiger und aufnahmebereiter als wir meinen.

Und die Liebe zum Nächsten? Ja, auch die gilt es zu fördern. Was Nächstenliebe ist, erläutert Jesus selbst mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Auch wir haben in unserem Land – im übertragenen Sinne – inzwischen viele, die unter die Räuber gefallen sind. Der IS ist ein Räuber von Freiheit, insbesondere von Religionsfreiheit. Er schrickt nicht davor zurück zu morden.  Viele, die aus Syrien zu uns kommen, haben Opfer in ihren Familien zu beklagen.
Nun ist die Frage, ob wir bereit sind, diesen Geflüchteten ein Nächster zu sein. Wir sollten keine Ausreden haben, wie die wegeilenden Priester und Leviten jener Geschichte. Wir haben in Deutschland noch nicht einmal 5 Geflüchtete pro 1000 Einwohner. Vor Überfremdung müssen wir uns allenfalls dann fürchten, wenn wir nicht die Aufgabe annehmen, diese Menschen in die christliche Grundkultur so einzuführen, dass sie – unabhängig von ihrem Glauben – die Gottesliebe der Christen achten und den Sozialstaat als säkulare Form der Nächstenliebe stützen. Solch eine Integration ist aller Mühe wert.
Eine Gemeinschaft, die sich nährt aus der Liebe Jesu Christi zu ihr, hat viel Kraft andere zu integrieren. Wohin: Zur Gottesliebe und zur Nächstenliebe. Darum liebe Ordinanden wird es nicht nur darum gehen, den Menschen das Doppelgebot nahe zu bringen, sondern zuerst von der Liebe Gottes zu uns zu erzählen und von der Liebe Jesu Christi am Kreuz und vom Heiligen Geist, der uns erfüllt mit Liebe zu Gott und dem Nächsten. Das aber, dieses öffentliche Reden von unserem wunderbaren dreieinigen Gott, ist die schönste Lebensaufgabe. Die vertrauen wir Ihnen nun an.
Bitten wir davor um den Heiligen Geist. Amen.