Ordination von Anna Bamberger und Tina Binder in Schnabelwaid

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 22. März 2015 zum Wochenspruch Matthäus 20,28

Liebe Festgottesdienstgemeinde, vor allem liebe Ordinandinnen Anna Bamberger und Tina Binder!

Heute ist ein großes Fest in Ihrem Leben, liebe Ordinandinnen und auch für Freundeskreis und Familie, insbesondere für die Eltern.
Und es ist ein großes Fest für die Kirchengemeinden Schnabelwaid und Creußen. Denn dass nun lückenlos nach Dienstende von Frau Pfarrerin Öffner gleich eine Stellenbesetzung erfolgt – noch dazu mit zwei Pfarrerinnen – ist eine Freude für die Gemeinden, ja den ganzen Dekanatsbezirk. Und ich freue mich mit Ihnen.
Wir haben für dieses Fest ein biblisches Leitwort, den Wochenspruch für diesen Sonntag Judika. Er steht im Matthäusevangelium Kapitel 20, Vers 28
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“
Ein gutes Leitwort für Ihre Ordinationen, gerade weil es zunächst einmal gar nicht von dem redet, was Sie beide zu tun haben, sondern von Jesus Christus, was er getan hat und tut für uns –  auch für Sie. Der Menschensohn, und damit Jesus, ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Jesus hat geheilt, orientierend und tröstend gepredigt und selbst am Kreuz noch gebetet für alle im Volk: „Vater vergib ihnen.“ Er hat durch sein Leben und Sterben erlöst aus Krankheit, Orientierungslosigkeit, Angst und Schuld.
Jesus Christus – nicht Sie beide! Wir alle hier im Raum sind nicht der Erlöser und auch der Dienst von Pfarrerinnen darf nicht überhöht werden: Wir haben aber die wunderbare Aufgabe, ihn öffentlich zu verkündigen – zur Zeit und zur Unzeit. Wir sind nicht selbst die Erlöser und Erlöserinnen der Nation, der Kirche, der Gemeinde. Wir verkünden ihn nur. Das ist freilich viel, wenn wir das treu tun. Denn die Welt, die Gemeindeglieder brauchen genau diesen Erlöser, gewaltig in seiner Gewaltfreiheit, mächtig in seiner Ohnmacht und Liebe.
Wir haben heute unseren Wochenspruch schon im Zusammenhang der Lesung in der Fassung des Markusevangeliums gehört. Bei Markus steht nicht Erlösung, sondern Lösegeld: Also
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einem Lösegeld für viele.“
Das ist auch die korrektere Übersetzung. Im Griechischen steht jedes Mal dasselbe Wort. Lösegeld wird für Verhaftete, Verschuldete, Geknechtete gezahlt. Erlösung meint also „Freikauf“ –  ein starkes Bildwort.

Die Ehepaare Schoenauer und Greiner und noch einige aus dem Dekanekapitel waren auf Studienreise in Tansania und dann noch ein paar Urlaubstage auf Sansibar. Sansibar war bis vor 120 Jahren Umschlagplatz des ostafrikanischen Sklavenhandels. Wir besichtigten den schrecklichen Keller, in dem die zukünftigen Sklaven und Sklavinnen eingepfercht waren wie Tiere, ein Raum nicht höher als 1,20 Meter. Tagelang sollen sie darin eingepfercht gewesen sein wie Tiere, so eng, dass sie manchmal ihre Arme und Beine nicht mehr gerade bekamen, wenn man sie nach oben zerrte.
Dann wurden sie an einen Pfahl gebunden und einzeln an Gutsbesitzer zum Verkauf angepriesen. Manche wurden noch extra geschlagen, um ihre Duldsamkeit zu testen. Dann wurden sie verkauft, als Sklave oder Sklavin.
Erst als die Engländer nach Sansibar kamen, beendeten sie 1897 den Sklavenhandel, und errichteten mitten auf diesem Sklavenmarkt die erste Kirche Sansibars.
In ihr steht ein Altar.  Auf seiner Frontseite ist der in Stein eingemeißelte Jesus zu sehen, wie er unter der Last zusammenbrechend sein Kreuz trägt. Dieser Altar steht genau am Ort des Pfahles, an dem früher die Sklaven angebunden und verkauft wurden.
Dass dieses Christusrelief genau an dieser Stelle steht, wo Menschen früher verkauft und versklavt wurden, ist solch ein starkes Symbol, weil es so sehr stimmt:
Christus leidet mit den Geschundenen dieser Erde mit und ist gekommen, dass Menschen frei sind, seelisch, körperlich, in allen Lebensbezügen. Ich bin überzeugt, dass er auch in der Gegenwart den Menschenhandel beenden will, in dem hochkriminelle Schlepperbanden, Flüchtenden Menschen das letzte Geld aus der Tasche ziehen und in Kauf nehmen, dass das Mittelmeer inzwischen ein Massengrab ist. Auch der Frauenhandel treibt neue stinkende Blüten durch die Verknüpfung von Schlepperbanden und Zuhälterei.
Knechten, verkaufen, ausnutzen – dies gibt es in unserer Welt in vielen Schattierungen. Christus tritt ein für diese Menschen und will ihre Freiheit.

Gehen wir auf eine ganz andere Ebene der Unfreiheit. Auch inmitten in unseren Dörfern und Städten gibt es Formen gefangen nehmender Abhängigkeiten. Es gibt Mütter, die ihre Kinder nicht wirklich freilassen, sondern mit Erwartungen unter Druck setzen – obwohl ihre Kinder schon 40 Jahre alt sind; es gibt Männer, die ihre Frauen ausnutzen, indem sie sie finanziell kurz halten und ihre Macht auf verschiedenste Weise ausspielen. Es gibt viele Formen der Unfreiheit. Auch Frauen können ihre Männer unter Druck setzen.
Christus ist gekommen zu erlösen und zu befreien, sodass alle unsere Beziehungen Freiheit atmen, sodass wir zu echter Partnerschaftlichkeit finden und die Freude erleben, wie schön es ist, einander zu dienen und zu helfen.
Das ist möglich in den Ehen und Familien, in den Gemeinden und zwischen den verschiedenen Ebenen der Kirche. Wir brauchen doch einander.
Denen, die an ihrer Unterdrückung leiden, hilft Christus aufrecht zu stehen und zu sagen, was sie denken und fühlen. Er bindet sie vom Pfahl los und sagt: ich habe für dich bezahlt. Du bist frei. Geh in deine dir geschenkte Freiheit.
Uns alle hier macht er stark, die zu stärken, die unterdrückt sind; und er hilft uns auch die Unterdrückenden herauszurufen in ein glücklicheres Leben.
Jesus sagt jedem und jeder zu – auch hier im Raum jeder Frau, jedem Mann, jedem Jugendlichen, jedem Kind: du bist erlöst und frei. Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. du gehörst mir und sonst hat niemand ein Recht über dich. Auch deine eigenen Taten haben kein Recht über dich. Machst du dir – vielleicht zu Recht – Vorwürfe, weil du nicht so gehandelt hast, wie es gut gewesen wäre? Sag es mir. Ich vergebe dir. Ich habe mein Leben auch für dich hingegeben. Ich spreche dich frei von deinen Schuldgefühlen und von deiner echten Schuld und befreie dich zu neuem Leben. Ich habe für Dich bezahlt, Du bist frei.

Liebe Ordinandinnen, welch eine wunderbare Aufgabe, dass Sie diese Botschaft von der Erlösung, dem Loskauf, der Befreiung durch Jesus Christus verkünden sollen. Sie haben die Aufgabe Christus, den Erlöser, hineinzutragen in die Häuser bei Seelsorgebesuchen, in die Leichenhallen und an die Gräber bei Beerdigungen und auf alle Kanzeln unserer Kirche, in die Kindergärten und Schulen.
Dieses befreiende Wort gilt zuerst Ihnen. Christus zerschneidet jede bindende Fessel in Ihrem Leben. Er will Ihre Freiheit und hat die Macht Sie zu jeder Zeit in die Freiheit zu führen – auch aus dem Erwartungsdruck, den andere oder Sie selbst an sich herantragen. Dass wir unser Tun zu allererst ihm gegenüber verantworten, macht uns frei – frei von allen Menschen und uns selbst.

Durch Christus erlöst und befreit, werden wir viel fähiger zur Hinwendung in Liebe zu anderen Menschen im Dienst und auch privat für lebens-lange Freundschaften und auch für lebenslange Ehen. Ich glaube, dass uns nichts so bindungsfähig macht, wie die Verbindung mit unserem Erlöser und Befreier. Doch auch wenn wir scheitern, vermag er uns zu erlösen zu neuem Leben.
Als so Erlöste können wir wirklich dienen und uns selbst hingeben und unsere Gaben fröhlich einbringen. Und genau das wollen Sie beide!
Ich bin dankbar für alles, was Sie beide in diesen Dienst einbringen werden.
Sie, liebe Frau Bamberger sind in einem rheinländischen, katholischen Elternhaus aufgewachsen. Sie empfinden es als Geschenk, dass Ihre Mutter mit Ihnen Kirchenlieder vor dem Schlafengehen sang und beide Elternteile ökumenisch engagiert waren. Beide unterstützten Ihren Weg in die evangelische Kinder- und Jugendarbeit. Dort erlebten Sie, dass nicht zuvor erbrachte Leistung, sondern Vertrauen und die befreiende Gnade Jesu Christi das Miteinander prägen und gabenorientiert das Priestertum aller Gläubigen ernst genommen wird. Sie wurden als erste in Ihrer Familie evangelisch.
Sie gingen im evangelischen Pfarrhaus ein und aus und wollten selbst einmal solch ein offenes Pfarrhaus leben. Welch ein Geschenk, dass Ihr Ehemann diesen Weg mit Ihnen geht.
Sie haben im Studium Theologie aufgetankt in Wuppertal und Erlangen und Praxiserfahrungen gewonnen im Vorbereitungsdienst bei Pfarrerin Steinbauer in Steppach-Pommersfelden-Limbach. Nun sind Sie hier mit Ihrer Familie im Pfarrhaus.
Nur wenige Schritte vom Pfarrhaus entfernt wohnt Tina Binder. Sie werden sich gemeinsam die eine Pfarrstelle teilen, weil Sie, liebe Frau Bamberger zusammen mit Ihrem Mann Dominik für Ihre Tochter Charlotte sorgen wollen. Und Sie, liebe Frau Binder werden eine Doktorarbeit schreiben bei Frau Professorin Dr. Jost. Aber verkopft sind Sie ganz gewiss nicht, sondern eher handfest und pragmatisch. Auch Sie bringen viele bereichernde Erfahrungen mit: erlebten Kindergottesdienst und Kindergruppe in der Landeskirche, Jungschar, Gottesdienst und Freizeiten in einer freien evangelischen Gemeinde. Auch wenn Sie manches im Rückblick dort kritisch sehen, bleibt Ihnen doch das Glück persönlicher Frömmigkeit und das Feuer der Liebe zu Gott. Auch viele Erinnerungen an das, was Sie als Mitarbeiterin bei Konfitagen und bei Augsburger Konficamp am Mittelmeer erlebten, sind ein Schatz, der Sie bereichert; nicht zu vergessen die Studienzeiten in Neuendettelsau und Leipzig und das Vikariat bei Britta Müller und Rüdiger Popp in Fürth.
All das, was Sie beide bisher geprägt und genährt hat, bringen Sie beide ein in den Dienst als Pfarrerin. Und ich glaube, Sie sind beide Menschen, die gerne dienen, in großer Freiheit und Freude. Christus, der Sie erlöst hat, Ihr Befreier sendet Sie in diesen lebenslangen Dienst.
Gott hat Sie gerufen in ein Leben mit ihm und für ihn. Sie geben auch ihr Leben – nicht wie Jesus  als Lösegeld für viele, sondern damit viele von Jesus erfahren. Dass Sie sich ordinieren lassen ist eine Lebensentscheidung. Denn die Ordination ist einmalig und gilt über den Ruhestand hinaus Ihr ganzes Leben lang.
Unsere Kirche ist dankbar, dass Gott Sie in dieses Leben für ihn gerufen hat und beruft Sie in den Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Christus sendet Sie, und der dreieinige Gott segnet Sie für alle Aufgaben, die auf Sie im Dienst warten.

Vergessen Sie nie – Sie gehen in diesen Dienst als Frauen, die von Christus befreit wurden, befreit von allen Bindungen und Fesseln, befreit zum Leben mit den Menschen und für die Menschen. Christus wird Ihnen dienen. Und je mehr Sie sich von ihm dienen und helfen lassen, desto mehr wird Ihr Dienst seinen befreienden Geist echter Liebe atmen.  Amen.

Dr. Dorothea Greiner
Regionalbischöfin