Ordination von Lisa Keck

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Jesaja 49, 1-6 am 13.08.2018 in Weißenstadt

Liebe Festgemeinde, vor allem liebe Lisa Keck!
Als Sie, liebe Frau Keck, und ich bei unserem Ordinationsgespräch vor sechs Wochen zusammensaßen, schauten wir nach, welches Bibelwort für diesen Sonntag vorgesehen ist zur Predigt. Jesaja 49,1-6. Wir waren berührt, ein solch starkes Berufungswort zu lesen.
Hören wir zunächst den ersten Teil des Bibelwortes, später den zweiten.
Der Prophet, wir nennen ihn Deuterojesaja, spricht von seiner eigenen Berufung.
1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.
2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.
3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.

Drei Gedanken zum ersten Teil Ihres Ordinationsbibelwortes, liebe Frau Keck:
Berufen von Mutterleibe an. Soll das auch bei Ihnen, so gewesen sein? Heute erst werden Sie von unserer Kirche berufen zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Hat Gott das von Anfang an – schon vor Ihrer Geburt so gewollt, so vorhergesehen?
Pfarrer Meister ahnte viel, als er über die 10-jährige Lisa sagte: „Sie wird einmal Pfarrerin“. Das wirkte damals allerdings absurd, denn Lisa war - was Glaubensfragen anbetraf - ausgesprochen widerständig:
Beide Geschwister spielten in der Kirchengemeinde Plech im Posaunenchor, sie zwar immerhin auch fünf Jahre, der Bruder zudem Orgel; die Schwester engagierte sich in der Jugendarbeit, die Mutter im Kirchenvorstand.
Doch Lisas Glaubensfragen fingen ausgerechnet dann an, als sie – Leseratte, die sie war – die Kaufmann-Kinderbibel von vorne bis hinten durchgelesen hatte. Ihr imponierten die Geschichten vom Gott des Alten Testamentes. Doch mit Jesus konnte sie nichts anfangen. Seine Schwachheit und sein Tod am Kreuz stießen sie ab. Dieser Prozess ging so weit, dass sie sich als Konfirmandin ernsthaft überlegte zum Judentum überzutreten.
Wäre da nicht das Pfarrersehepaar Meister gewesen und auch die Begegnung mit Martin Luther im Religionsunterricht, der - wie sie – fragte, suchte und seinen Halt ausgerechnet im Kreuz fand.
Die Botschaft, dass Gott selbst sich für mich am Kreuz hingegeben hat und seine Liebe sich in Schwachheit und Leiden am Kreuz am stärksten zeigt, hat sie ergriffen. „Das Kreuz hat meine Seele berührt“, so haben Sie es selbst gesagt. Heute ist das Kreuz Christi der Ankerpunkt Ihrer Theologie.

Als Sie eine schwere Zeit durchliefen, hat Ihre Mutter – nicht wissend, dass Sie einmal hier in Weißenstadt Pfarrerin werden – Ihnen eine Postkarte mitgebracht. Es war ausgerechnet mit dem Bild, das hier im Chorraum hängt. Der junge Luther hält sich an Kreuz fest und zeigt hin auf die durchbohrten Füße Jesu. Wusste Gott damals schon ihren Weg hierher? Gott gibt Zeichen.

Zweiter Gedanke Deuterojesajas. „Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht“. Das ist das Gegenteil von einem Schwertmaul. Und doch scheidet die Verkündigung Deuterojesajas jede esoterische Selbsterlösungsreligion messerscharf von unserem Glauben. Denn die Botschaft Deuterojesajas ist, so finden wir sie im Folgekapitel; Gott spricht: „Fürchte Dich nicht, …ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein.“ Und „Ich bin der Herr und außer mir ist kein Heiland“. Auf den Herrn und Heiland, den Erlöser, hinzuweisen, der alles für uns getan hat und tun wird - den ins Herz zu predigen, das ist Ihr Auftrag.
Später mehr zum Auftrag. Denn ich komme schon zum dritten Gedanken des ersten Teils: „Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.“
Lisa Keck, Du bist ein Knecht? Nein, nicht ein Knecht. Du bist „mein Knecht“, steht da. Freiere Menschen als diejenigen, die sich ganz Gott hingeben, damit er allein das Sagen hat, gibt es nicht.
Warum? Weil er immer schon der Gott war, der befreit. Er hat sein Volk aus Ägypten oder dem Babylonischen Exil in die äußere Freiheit geführt. Zudem schenkt er innere Freiheit, weil er von jeder Schuld befreit und uns so verändert, dass wir – in Verbindung zu ihm - mehr und mehr jede Angst verlieren. Wir werden sogar so frei, jeden Menschen lieben zu können. Es ist ein Privileg diesem Herrn zu gehören. Knecht, Diener dieses Gottes zu sein ist höchste Freiheit und tiefste Freude.
Freilich steht da „Knecht“ und nicht „Magd“. Wie ist das mit den Frauen im Amt? Paulus sagt bekanntlich: „Das Weib schweige in der Gemeinde“. Und nun wird die Weißenstädter Gemeinde eine Frau am Altar haben.
An Paulus Stelle hätte ich wahrscheinlich auch den Frauen das Wort verboten. Denn damals gab es so gut wie keine Frau, die in der heiligen Schrift – damals der Thora – den 5 Bücher Mose bewandert war. Lehren darf bei Juden wie Christen nur ein in der Heiligen Schrift kundiger Mensch. Buben lernten in der Thoraschule das Lesen mittels der 5 Bücher Mose. Mädchen, Frauen kannten die Schrift nicht durch Eigenstudium.
Sie, liebe Lisa Keck, kennen die Heilige Schrift durch Eigenstudium. Dafür hat schon die Kaufmann-Bibel den Grundstein gelegt.
Es gibt auch keinen Grund, sich an diesem Weibwort festzubeißen, denn unsere Heilige Schrift die beste Grundlage zum Dienst der Frau im Amt. Hat doch Christus selbst Maria Magdalena die Auferstehungsbotschaft anvertraut; und auch Paulus wusste an anderer Stelle zu sagen: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, …  hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus“. Die Ausrichtung an Christus ist das wichtigste Kriterium kundiger Schriftauslegung auf einer evangelischen Kanzel – nicht das Geschlecht. Wir sind eine glückliche Kirche, dass wir Männer und Frauen in Verkündigung und Seelsorge haben.

Die Zusage „Du bist mein Knecht“ hat ebenfalls einen besonderen Bezug zu Ihrem Leben, liebe Frau Keck. Ihr tägliches Leitwort im Vikariat in der Kirchengemeinde Birk bei Pfarrer Öffner war ein Satz aus dem ersten Korintherbrief:  „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude; denn ihr steht ihm Glauben.“
Der Knecht Jahwes ist Gehilfe der Freude, indem er die Erlösungsbotschaft bringt. Das ist Ihre Bestimmung.
Doch - diese Freude kann einem auch mal vergehen. Wie aber sollen wir Gehilfen zur Freude sein, wenn die innere Freude fehlt? Hören wir auf den zweiten Teil des Bibelwortes. Deuterojesaja erzählt weiter von sich:
4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –,
6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

„Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich.“ Das ist in schlechten Zeiten das Gefühl vieler Pfarrer: Verwaltungskram, Bau von Kindertagesstätten, Geburtstagsbesuche bei denen keiner zu Hause ist. Es ist so viel Mühe – und zum Glauben kommt doch niemand. Selbst die Rückmeldungen nach dem letzten Gottesdienst beim Verabschieden der Menschen waren dürftig.
Deuterojesaja zeigt den einzig möglichen Weg aus dem Frust für jeden von Gott berufenen Menschen: „Aber mein Lohn ist bei meinem Gott.“ Liebe Frau Keck, das ist wichtigstes geistliches Training, sich von Gott befreien zu lassen sogar von der Abhängigkeit äußerer Bestätigungen. Vertrauen Sie darauf, Gott wird wirken durch Sie. Er wird Freude schenken, Glauben wecken, befreien, erlösen durch Sie. Für Sie gilt: „ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke.“

Sie haben laut Ihres Bibelwortes zwei Aufgaben. Die erste: Jakob zu Gott zurückzuführen. Jakob ist ein anderer Name für das Volk Gottes. Gottes Volk war damals nicht mehr bei Gott. Das ist heute genauso. Viele auf den Namen des dreieinigen Gottes Getauften, leben ihr Leben ohne ihn.
Es ist Ihre Aufgabe, liebe Frau Keck, diese Menschen zu Gott zurück zu führen, den Ruf Gottes auszusprechen. Er lautet, ich zitiere Jesaja aus einem späteren Kapitel: „Wende dich zu mir, denn ich erlöse Dich“.
Das gehört zusammen der Ruf: „Ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein“; und der Ruf: „Wende Dich zu mir, denn ich erlöse Dich“.
Die Erlösung, die Gott längst geschenkt hat, die muss in die Erfahrung des Menschen kommen, indem er sie glaubend für sich annimmt und so frei wird aus so vielen Ängsten und Sorgen.
Glauben schenken können Sie nicht, aber diesen doppelten Ruf Gottes: „Ich habe Dich erlöst“ und „wende Dich zu mir, denn ich erlöse Dich“ ausrichten, das ist Ihr erster Auftrag.
Der zweite: Mit dem Volk Gottes zusammen, Licht der Welt zu sein. Mit den erlösten Christen zusammen in die Welt hineinstrahlen.
Die Welt beginnt hier in Weißenstadt bei den Menschen, die nicht getauft sind oder aus der Kirche ausgetreten, seien es Touristen oder Bürger dieser Stadt.

Liebe Gemeinde, unser Bibelwort spricht zwar den Knecht Gottes an und insbesondere Lisa Keck, doch indirekt uns alle: Wir als Volk Gottes, zu dem Lisa Keck und ich gehören und Sie alle, - für uns gilt: Gott will uns zu sich sammeln.
Er hat uns erlöst am Kreuz Christi und will uns weiter erlösen aus Ängsten und Sorgen; und er will durch uns alle in die Welt strahlen. Denn Gott hat zwei Ziele für seine Erlösung:
-    uns selbst als sein Volk
-    und durch uns die Welt.

Liebe Ordinandin Lisa Keck, Ordination ist Berufung der Person, Sendung in einen Auftrag und Segen. Sie sind berufen von Mutterleib. Sie haben einen zweifachen Auftrag am und mit dem Volk Gottes  - und Gott segnet Sie.
Deuterojesaja drückt es so aus: „Mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt“. Wir legen gleich jetzt die Hand auf, bedecken Ihren Kopf. Gott selbst wird Sie dabei segnen – Sie und Ihren Dienst als Knecht Gottes, Gehilfin der Freude.
Berufung, Sendung in den Auftrag und Segen werden wir Ihnen nun zusprechen mit lebenslanger Gültigkeit. Sie sind eine Berufene, Gesandte und Gesegnete des Herrn.
Amen.