Ordination von Mareike Kraemer

Predigt zu Matth. 4,1-11 von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner im Gottesdienst am 10.3.2019 in Mistelgau

Liebe Gemeinde, vor allem liebe Mareike Kraemer!
Wie passt die Geschichte von der Versuchung Jesu zu einer Ordination? Mareike Kraemer ist nicht Jesus und Mistelgau ist nicht die Wüste.
Bleiben wir doch kurz bei der Unvereinbarkeit von Mistelgau und einer Wüstenlandschaft.
Ich habe nie verstanden, warum sich seit Vakanzbeginn am 1. Februar 2017 niemand nach Mistelgau beworben hat. Monat für Monat stand die Stelle im Amtsblatt. Ich war froh für Euch Mistelgauer und die Kollegen im Umkreis, vor allem für die tapfere Pfarrerin Krauß, dass sich Pfarrer Dr. Pohl auf meinen Vorschlag hin hierher zuordnen ließ, um zu unterstützen.
Doch natürlich wollten wir alle, dass sich jemand hierher bewirbt, der hier in der Gemeinde wohnt und hier bleiben will. Hier ist eine intakte volkskirchliche Gemeinde mit vielen liebenswerten Engagierten – noch dazu in guter Lage zwischen Fränkischer Schweiz und Bayreuth.
Freilich, wenn kein Pfarrhaus vorhanden ist, ist das für manche ein Hindernis. Doch für Sie, liebe Frau Kraemer war das ein Vorteil. Sie konnten eine Wohnung suchen, die zu Ihnen und Ihrem Hund Knoppers passt, keine Wüste, sondern ein Ort zum Leben! Möge Gemeinde und Region für Sie mehr und mehr ein kleines Paradies werden, sodass Sie sich wirklich wohl fühlen! Ich bin – zusammen mit den Menschen hier vor Ort – dankbar, dass Sie sich hierher senden ließen. Mögen Sie Wurzeln schlagen.

Genauso wenig wie Mistelgau eine Wüste ist, sind Sie, liebe Frau Kraemer Jesus. Für den heutigen Sonntag sind – außer dem Evangelium 5 weitere Bibelworte als Predigttexte zugeordnet. Einer davon ist der Sündenfall – auch nicht passender zu einer Ordination. Da erliegen Adam und Eva der Versuchung durch die Schlange. Wieder eine Versuchungsgeschichte also.
Ein weiteres Bibelwort für diesen Sonntag stammt aus dem Hebräerbrief. Es malt uns Jesus vor Augen als Menschen, der versucht worden ist wie wir, doch – so heißt es dort – ohne Sünde.
Wir Menschen dagegen erliegen Versuchungen, weil wir Menschen sind; und nicht Jesus. Dabei meine ich nicht die Schokolade am Abend oder das dritte Stück Kuchen, sondern echte Versuchungen.
Für Jesus, der Wunder tun konnte, war die erste echte Versuchung, dass er Wunder für sich selbst tut. Er hatte Hunger und so packt ihn die Versuchung, Wüstensteine in Brot zu verwandeln, um den eigenen Hunger zu stillen.
Wunder im Sinne der Bibel, sind aber immer Zuwendungswunder, Wunder aus Liebe zu anderen. Jesu Heilungen geschahen immer aus Erbarmen für konkrete Menschen. Er besteht die Versuchung, tut kein Wunder für sich – und erfährt so die große Freiheit, dass seine Bedürfnisse ihn nicht beherrschen.
Die zweite Versuchung will Jesus dazu treiben, Gott als Beschützer herauszufordern, indem er sich selbst in Gefahr bringt; er könnte sich von der Zinne des Tempels stürzen, weil Gott ihn doch gewiss so liebt, dass er ihn behüten wird.
Diese Versuchung ist gar nicht so selten, wenn Menschen z.B. so viel arbeiten, essen, trinken oder rauchen, dass es wirklich schädlich ist. Nein, Du sollst Gott, der Dein Leben erhalten will, nicht versuchen.
Die dritte Versuchung berührt Jesu Sehnsucht nach Macht und Ehre. Natürlich waren das Machterfahrungen, wenn die Menschen ihm fasziniert zuhörten. Wie viel Frauen werden ihn angebetet haben.
Bevor er zu predigen anfängt, wird er frei von der Versuchung, dass ihm dieses Anhimmeln durch Menschen zum Antrieb wird. „Du sollst Gott allein anbeten“, hält er dem Versucher entgegen.
In der Wüste wird Jesus konfrontiert mit den Versuchungen, denen er hinterher ständig ausgesetzt sein wird in seinem Dienst. Die ringt er vorher durch.

Insofern passt dieses Bibelwort dann doch zur Ordination. Jesus ist am Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit. Er ist gerade dafür mit dem Heiligen Geist gesegnet worden. Der kam auf ihn herab. Und nun ist es ausgerechnet der Geist, der ihn in die Wüste führt. Nicht der Teufel führt ihn in die Wüste. Es ist laut Matthäus 4 Vers 1 der Geist, der ihn in die Wüste führt. Der Geist Gottes will, dass Jesus seine Hauptversuchungen durchsteht.
Die eigenen Bedürfnisse überbewerten, die eigene Gefährdung nicht beachten, die eigene Macht und Ehre lieben – das waren offensichtlich die Schwachstellen Jesu; da war er versuchbar. Das legt uns die Bibel offen. Und sie erzählt, dass er frei wurde.

Was ist Ihre Schwachstelle, Frau Kraemer? Keine Sorge, so gut kenne ich Sie noch nicht – und wenn dann würde ich diese Schwachstelle nicht auf der Kanzel hier ausbreiten – auch wenn Sie selbst ein Mensch sind, der sich nicht scheuen wird, die eigenen Schwächen zu benennen. Sie wollen nicht über den Menschen stehen, gerade hier auf der Kanzel nicht, sondern mit der Gemeinde gemeinsam Christ und Mensch sein.

Es sind übrigens ja meist unsere Stärken, die zur Schwachstelle werden und uns in Versuchung führen können. Wie bei Jesus, seine übersinnlichen Kräfte, die Selbstaufopferung und die charismatische Persönlichkeit. Was ist also Ihre Stärke, liebe Frau Kraemer? Eine ist wohl, dass Sie kämpfen können.
Liebe Gemeinde, manche von Ihnen werden den you-tube-Film ja kennen über Mareike Kraemer als sie noch Vikarin war. Da wird sie schon auch mit Talar und Beffchen gezeigt, aber eben auch in Trainingsklamotten beim Boxen. Ich empfehle Ihnen den Film. An einer Stelle habe ich schallend gelacht. Da werden drei betagte Menschen, bei denen Frau Kraemer gerade einen Gottesdienst im Seniorenheim gehalten hatte, gefragt, wie sie das denn finden, dass die Vikarin boxt. Der Senior sagt: „das ist kein Sport für Damen“. Die beiden alten Damen dagegen, finden das richtig gut.

Gut so, sage ich selbst, dass Sie diesen Sport pflegen; weiter so. Nehmen Sie sich Zeit dafür.
Im Film sieht man, dass Sie eine Kämpfernatur sind, die nicht so schnell klein zu kriegen ist. Gut so, sage ich nochmals. Das braucht es schon als Leitungsperson, die wir als Pfarrer und Pfarrerinnen nun mal sind.
Ihre Kämpfernatur wird dann nicht zur Versuchung, wenn Sie an der richtigen Stelle aufhören zu kämpfen. Drei Beispiele.
Sie kämpfen mit einem trockenen Predigttext und ziehen sich mühsam einen Gedanken nach dem anderen aus dem Hirn. Dann rate ich: Hören Sie eine Weile auf, hören Sie auf zu kämpfen, zu hirnen, zu schreiben. Stattdessen entspannen und beten: Heiliger Geist erfülle mich. Was willst Du den Menschen sagen? Was brauchen sie? Gib mir die Worte, mit denen Du sie erlösen willst.
Oder: Da ist der Kirchenvorstand anderer Meinung als Sie, zumindest mehrheitlich. Liebevolle Versuche zu überzeugen, sind immer gut. Aber kein Kampf ist es wert, dass Unfriede einkehrt. – Das gilt freilich auch für Kirchenvorsteher.
Oder der Kampf mit der Uhr. Den verlieren wir eh. Noch schneller, noch mehr arbeiten, bis wir vor lauter geistlicher Arbeit, geistlich hohl werden.
Keine Zeit ist wichtiger als die, in der wir uns vor dem Vater im Himmel öffnen und uns von ihm beschenken lassen.
Bibellesen – nicht nur für den Dienst, sondern für sich selbst und Jesus zuschauen, wie er mit Bibelworten im Herzen stärker ist als jede Versuchung. Dem Heiligen Geist trauen, dass er uns alles schenkt, was wir brauchen. Das ist der Weg für uns alle und erst recht für Ordinierte.

Nachträglich betrachtet habe ich aus Versuchungen, denen ich erlegen bin und die ich bereut habe, am meisten gelernt. Das hat mich bescheidener gemacht, humorvoller, liebevoller. Wir gehen manchmal Umwege. Das sind meist die direktesten Wege zur menschlichen und geistlichen Reife.
Reifungswege müssen aber gar nicht Wege in die Wüste sein, sondern auch in andere Erfahrungswelten; wie Ihr Austauschschuljahr in Kanada, liebe Frau Kraemer. Dort wurden Sie mit charismatisch-pfingstlerischer Frömmigkeit vertraut. Ich glaube, Sie haben dort viel gelernt. Sie haben die Bibel intensiv gelesen, haben die einfachen Lobpreislieder schätzen gelernt. Und doch hat es Ihnen gut getan als Sie dann nach Deutschland zurückkamen und merkten, dass viele dieser scheinbar so klaren Einteilungen in gut und böse in biblisch und unbiblisch dann doch zu einfach sind und nicht tragen. Dieser Versuchung einfacher Schemata sind Sie nicht erlegen. Sie haben andere Frömmigkeitsrichtungen kennengelernt, in denen Menschen Platz haben, wie sie eben sind. Zweifelnd, homosexuell geprägt, aus anderen Ländern und Kulturen kommend – geliebt von Gott. Die Liebe zu ihm bereichert uns selbst. 

Das Studium der Theologie hat Sie nicht vom Glauben weggebracht, sondern Ihnen seine Tiefe und Weite erschlossen ohne Christus als Mitte zu verlieren.
Ich meine, dass jeder Mensch zwei lebenslange Bekehrungen braucht: eine zu Gott, zu Christus. Und die andere mit Gott zu den Menschen, die er liebt; mit Christus zu den Menschen, die so sind wie sie eben sind. Gerade was diesen zweiten Schritt anbelangt, hat Ihnen der KSA-Kurs, den Sie in Ihrem Studienjahr in den USA absolvierten, gut getan.
Im Vikariat bei Mentor Stephan Schmoll in Passau haben Sie Freude daran gefunden, andere Menschen auf diesen zweifachen Bekehrungsweg mitzunehmen, hin zu Jesus Christus und mit ihm zur Liebe zu anderen Menschen.

Vielleicht wird dann und wann ein Zweifel, der große Bruder der Versuchung, kommen: Ist dies wirklich mein Weg, bin ich wirklich in der Lage, die Aufgaben einer Pfarrerin zu erfüllen?
Erinnerte Jesus sich in der Wüste inmitten seiner Versuchungen gewiss an das, was zuvor an ihm geschehen war: Die Taufe, in der er hörte, wie Gott über ihm spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören.“
Erinnern Sie sich in kommenden Selbstzweifeln daran, was heute geschehen ist. Christus selbst handelt heute an Ihnen, wenn wir Sie berufen, senden, segnen.
Er selbst beruft Sie: Wohin? In die Beziehung zu ihm, in seine Gegenwart.
Er selbst sendet Sie: Wozu? In seiner großen Liebe zu den Menschen, sein Evangelium zu verkünden mit Worten und in der Feier von Taufe und Abendmahl.
Und er segnet Sie heute. Wofür? Damit Sie Ihre Berufung und Sendung leben, darin glücklich werden, Versuchungen widerstehen oder aus ihnen – mit Gott und Menschen versöhnt – auferstehen, befreit von sich selbst, befreit für Gott und die Menschen.

Im Auftrag Christi wollen wir Sie jetzt berufen, senden, segnen. Amen.