Ordination von Melanie Bär und Florian Wilhelm

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Apg 3,1-10 am Samstag, 14.09.2019 in er Peter und Paul- Kirche Münchberg

Das für den Sonntag dieser Woche vorgesehene Bibelwort steht in der Apostelgeschichte 3,1-10. Es ist Ihr Ordinationswort, liebe Melanie Bär und lieber Florian Wilhelm:

(Apg. 3) 1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.
2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!
5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,
8 er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Gemeinde, vor allem liebe Frau Bär, lieber Herr Wilhelm!
Als ordinierte Pfarrer und Pfarrerinnen sollen und wollen wir in der Nachfolge Jesu Christi leben und in der Tradition der Apostel. Doch, ob wir so verwegen sein werden, bei unseren Krankenbesuchen, einen Bettlägerigen bei der Hand zu nehmen und ihm zusagen: „Was ich … habe, das gebe ich dir: Im
Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“?
Wir sollen und wollen offen sein für die Geistesgaben, die sich in unserem Leben entfalten werden. Ausgeschlossen ist das nicht, dass Gott einem Menschen die Gabe der Heilung schenken wird. Doch ist das unverfügbar und nicht vom Geist Gottes einfach zu erwarten.
Trotzdem würden wir es uns zu leicht machen, wenn wir sagen würden: Solche Heilungen kamen bei den ersten Christen vor, doch heute arbeiten wir als Menschen, die in der Nachfolge Jesu Christi haupt- und ehrenamtlich Dienst tun, völlig anders. Völlig anders arbeiten wir hoffentlich nicht!

Auch Sie beide werden sich Menschen zuwenden, die Sie um etwas bitten.
Was haben Sie beide, das Sie dann geben können?
Sie beide bringen viel mit:
Sie, liebe Frau Bär haben einen Schatz glücklicher geistlicher Erfahrungen in sich: Ihre Mutter lebte Ihnen tätige Nächstenliebe vor, Ihre Oma sang mit Ihnen „Müde bin ich geh zur Ruh“ und „Weißt Du wie viel Sternlein stehen“. Sie verkündeten als Engel im Krippenspiel „große Freude“. Sie begegneten guten Religionslehrern.
So aufgewachsenen in den evangelisch-volkskirchlichen Kernlanden Ansbachs war Ihnen der Glaube stets eine Kraftquelle. Darum wollten Sie beruflich etwas mit Menschen machen, doch nicht ohne die Dimension nach oben. Ich freue mich, dass Sie sagen: Der Pfarrberuf ist mein Traumberuf. Das haben wir gemeinsam.
Sie bringen freundliche Augen und menschliche Wärme mit, Liebe zu den Menschen und Freude am Leben, Kreativität und Tiefsinnigkeit. All das sind beste Voraussetzungen für den Pfarrberuf – zumal Sie auch Durchhaltevermögen bewiesen haben als Sie - alle Achtung - den Weg über Haupt- und Realschule und FOS 13 gegangen sind, dann durchs Theologiestudium und ein lehrreiches Vikariat bei Mentorin Barbara Renger in der Kirchengemeinde Friedenskirche, Rottendorf.
Besondere Freude an der Seelsorge und am Schulunterricht bringen Sie mit – überhaupt an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Herzlich willkommen als Pfarrerin unserer Landeskirche.

Sie, lieber Herr Wilhelm, sind mir im Ordinationsgespräch aufgefallen durch Ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Das ist eine große Gabe in unserem Beruf. Sie haben besondere Freude daran, Menschen im Leben - in Taufen, Trauungen, Beerdigungen - zu begleiten. Sie feiern gerne Gottesdienste - durchaus auch alternative -zum Beispiel mit Jugendlichen.
Und auch Sie sind voll guter Erfahrungen durch ihr konfessionsverbindendes Elternhaus. Sie schätzen die katholische Herzensfrömmigkeit, die ihre Mutter einbrachte, und die protestantische Reflexionskultur Ihres Vaters.
Die Begleitung eines eher liberalen Gemeindepfarrers, der Unterricht eines guten Religionslehrers am Gymnasium und die Prägung evangelikal-pietistischer Kreise befruchteten sich wechselseitig, sodass sie in Ihrer Gemeinde in Hohenberg an der Eger sogar einen Jugendkreis gründeten, Andachten, Zeltlager, Osternächte und anderes durchführten. Sie haben also Initiativkraft und Leitungsvermögen.
Das Studium in Erlangen, Marburg und München bereicherte Sie. Der Vorbereitungsdienst bei Mentor Christian Sudermann in der großen Gemeinde Erlangen St. Markus, bereitete Sie bestens auf den Pfarrberuf vor.
Sie beide bringen so viel Gutes mit. Ich konnte ja nur einen kleinen Teil davon nennen. Welch ein Geschenk sind Sie beide jeweils für die Gemeinden, in denen Sie nun tätig werden: Sie, lieber Herr Wilhelm, hier in Münchberg in Vollzeit und Sie, liebe Frau Bär, in Schwarzenbach auf einer halben Stelle und zudem unterstützen Sie mit einer Viertelstelle die Gemeinde in Zell in der Vakanz.
Liebe Gemeinden, heute feiern wir mit Euch, dass junge, tatkräftige Geistliche bei Euch tätig werden. Und wir feiern noch viel mehr. Wir feiern Ordination. Sie gilt für den Dienst auf diesen Stellen - und lebenslang. Christus selbst ruft Sie, liebe Melanie Bär und lieber Florian Wilhelm heute in die Lebensbeziehung mit ihm, er sendet Sie in den Dienst der Wortverkündigung und Feier der Sakramente und er segnet Sie für allen kommenden Dienst und Ihr ganzes Leben.

Ich selbst bin dankbar für Sie und alles, was Sie schon jetzt an Erfahrungen, an Fähigkeiten und guter Theologie mitbringen. Was Sie mitbringen, ist wichtig und gut. Ich freue mich sehr darüber. Doch entscheidend ist für Ihren und meinen Dienst das, was Petrus uns hier vorlebt: Er vertraut auf den Namen Jesu Christi.
„Im Namen Jesu Christi … steh auf“. Was bringt Petrus alles mit an Tatkraft, Polterichkeit, versöhntem Scheitern - eine Fülle von guten Erfahrungen in der Nachfolge Jesu Christi. „Was ich habe, gebe ich Dir“, sagt er- und er meint damit all das nicht, obwohl es ihn nährt, sondern er meint die große heilsame Kraft der Gegenwart Jesu Christi. Jesus Christus ist gegenwärtig, wenn sein Name ehrend ausgesprochen wird. In seinem Namen ist Heil und Heilung auch jetzt und hier.

Eine Begebenheit, die ich noch nie in einer Predigt erzählte, kam mir in den Sinn, als ich Sie als junge Pfarrersleute und dieses Bibelwort vor Augen hatte.
Es war ungefähr ein Jahr nach meiner Ordination, da kam ein Ehepaar zu mir, verzweifelt. Beide plus minus 50. Sie war nicht sprachfähig; der Mann erzählte:
Eine Frau, die er als Zigeunerin bezeichnete, sei an die Haustüre gekommen. Sie habe auf seine Frau freundlich eingeredet, habe ihr Gesundheit und Wohlergehen versprochen und dann angefangen - sie berührend - von oben nach unten auf dem Körper seiner Frau entlang zu streichen. Dabei murmelte sie Dinge, die seine Frau nicht verstand. In der Nacht habe sie dann geträumt, dass der Teufel ihr sagt: nun gehörst Du mir. Zum Blutbund nahm er Blut von ihr.
Am Morgen wachte sie auf; Bluttropfen waren auf ihrem Kopfkissen. Seitdem sei seine Frau nicht mehr arbeitsfähig, völlig durch den Wind. Er habe alles versucht, Begütigung, langes Spazierengehen, Beruhigungstabletten. Nichts helfe. Sie wüssten sich keinen Rat, darum seien sie nun da.
Die psychische Verstörung der Frau erschien mir groß. Da ich vermutete, die beiden würden von sich aus nie zu einem Psychotherapeuten gehen, bot ich an, die Ehefrau dorthin zu begleiten. Eine sofortige Terminvereinbarung gelang. Die Frau und ich gingen gemeinsam ins Zimmer des Psychotherapeuten. Ich erzählte alles. Er sprach kurz mit der Frau. Dann schickte er sie hinaus.
Allein mit mir, sah er mich an und sagte: „Liebe Frau Pfarrerin, da sind Sie dran - nicht ich.“ Ich schluckte und verstand. Dieser Psychotherapeut hatte mich als junge Pfarrerin in meine Stiefel gestellt.
Am nächsten Tag kam das Ehepaar - wie vereinbart - wieder zu mir. Ich erzählte ihnen von Jesus Christus, der stärker ist als alle Mächte dieser Welt, betete mit ihnen beiden und legte der Frau die Hände auf, sprach sie im Namen Jesu Christi los vom Teufel und allen zerstörerischen Mächten. Am Ende segnete ich sie: „Gott heile Dich an Leib und Seele, er behüte Dich von allem Bösen und stärke Dich zum Leben. So segne Dich der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Dabei zeichnete ich ein Kreuz auf ihre Stirn.
Gott sei Lob und Dank: Die Frau erholte sich Schritt für Schritt und wurde wieder lebens- und arbeitsfähig.

Diese Geschichte zeigt, dass wir auch heute - als Menschen, die Jesus nachfolgen - viel mehr haben als wir selbst aus unserer Biographie mit unseren Fähigkeiten mitbringen. „Was ich habe, gebe ich Dir“, sagt Petrus und nennt den Namen: „Jesus Christus“. In ihm ist Heil und Heilung. Als volkskirchliche Pfarrer und Pfarrerinnen stehen wir - ich eingeschlossen - gewiss nicht in der Gefahr, wundertätig zu werden und uns und andere damit zu überfordern. Vielleicht sind wir hier sogar zu vorsichtig, zu bescheiden und trauen damit auch Christus zu wenig zu.
Wir kennen eben den Missbrauch aus manchen sektiererischen Gruppierungen, die Hand auflegend um Heilung bitten. Wenn die dann nicht kommt, ist natürlich nicht der Segnende schuld, sondern der Kranke. Dann ist hinterher alles nur noch schlimmer. So darf man nicht mit Menschen und mit Gott - Schaden anrichtend - hantieren. Gott hat uns Christus geschenkt, wir sollen in seinem Namen bitten. Doch Gott bleibt frei. Er - in seiner großen Liebe - weiß, was gut und an der Zeit ist für den Menschen.
Wir können und sollen Hand auflegen, beten und segnen. Doch irgendwann wird jeder Mensch sterben; und ganz häufig wird die Wirkung des Segens auch „nur“ sein, dass ein Mensch sterben kann im Vertrauen, Christus ist bei mir, geht mit mir durch das dunkle Tal des Todes und wird mich auferwecken zum Leben bei ihm.
Ist das wenig? Das ist unendlich viel. Uns ist - durch Gott selbst - gerade im Beten und Segnen in den verschiedensten Situationen- so viel geschenkt. „Was ich habe, das gebe ich Dir“, sagt Petrus. Er hat Christus an der Seite, der seine Gegenwart schenkt, wenn sein Name ihn ehrend erklingt.
Was Ihr beide habt, diesen Namen, das gebt den Menschen in Seelsorge, Unterricht, Gottesdiensten, Beerdigungen - wo auch immer Gelegenheit ist. Welche Fülle an Hilfe und Heil in diesem Namen ist, werdet Ihr erfahren. Christus selbst wird sich, seine wirksame Gegenwart, Euch - und durch Euch anderen - schenken.
Amen.