Ordination von Pfarrerin Anna Städtler-Klemisch

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Greiner zu Markus 3, 31-35 am Sonntag, 15.09.2019, in Berndorf

Liebe Gemeinde, vor allem liebe Frau Städtler-Klemisch,
wir hören das Predigtwort, das für den heutigen Sonntag vorgesehen ist: „Und Jesus ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten.
Und als es die Seinen – gemeint sind Jesu Mutter und seine Brüder - hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.
Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?
Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Liebe Gemeinde, ich habe zwei Verse mehr vorgelesen als zum Predigtwort gehören; die ersten beiden. In ihnen wird nämlich deutlich, dass Jesu Familie nicht mitträgt, dass er predigend und heilend durch die Lande zieht. „Er ist von Sinnen“, sagen sie. Ob sie sich Sorgen um ihn machen oder sich schämen, dass er ein Publikumsmagnet geworden ist, bleibt offen. Jedenfalls lehnen sie sein Auftreten in der Öffentlichkeit ab.

Gott sei Dank ist das bei Ihnen anders, liebe Frau Städtler-Klemisch. Ihre Eltern und Ihre Schwester freuen sich über Ihren Weg. Und ich habe aus dem Ordinationsgespräch mit Ihrem Mann noch im Ohr, wie sehr er Sie in Ihrem pastoralen Dienst schätzt. Wenn Sie nachher am Altar Ihr erstes Abendmahl feiern als Pfarrerin, so steht Ihre Familie, Ihr Mann hinter Ihnen. Statt: „Sie ist von Sinnen“ oder „sie ist nicht sie selbst“, sagen Ihre Familie und auch ich: Sie ist bei sich selbst, bei ihrer innersten Berufung. Sie ist dort, wo sie hingehört.

Ihre Eltern sind auch nicht ganz unschuldig, dass Sie heute ordiniert werden, haben sie doch den Besuch von Kindergottesdienst und Jungschar befördert im württembergischen Künzelsau.
Vier Jahre lang leiteten Sie die Jungschar und waren Mitarbeiterin bei Zeltlagern.
In der Schule beteiligten Sie sich an Schülerbibelkreisen, Schulgottesdiensten und schulbezogenen Aktionen der Studentenmission  Deutschland.
Dies alles bereitete Sie auf den Pfarrberuf vor - und auch Ihr zehnmonatiger sozialer Einsatz in Nizza mit der Deutschen Missionsgesellschaft, Ihr Studium in Marburg, Tübingen und Erlangen und Ihr Vorbereitungsdienst in Kasendorf bei Ihrem Mentor Stefan Lipfert und Ihrer Schulmentorin Katharina Kemnitzer. Ihr Weg war und ist sehr stimmig - auch mit dem Einsatz nun hier in dieser Pfarrei.

Liebe Gemeindeglieder der Pfarrei Berndorf/Trumsdorf mit Alladorf, schon seit Ihre Pfarrei vakant wurde, hatte ich diese Stelle für Frau Städtler-Klemisch im Blick. Schließlich sind Sie, lieber Herr Städtler, seit zweieinhalb Jahren Pfarrer in Wonsees, das nur gut 8 km entfernt liegt. Über die doppelte Entfernung haben viele Pfarrer innerhalb einer südbayrischen Kirchengemeinde.
Auch wenn diese Kombi für Sie ideal ist, war es natürlich richtig, diese Stelle trotzdem offen auszuschreiben und anderen Pfarrern Gelegenheit zu geben, sich zu bewerben. Doch ich vermute, auch Ihr realistischen Kirchenvorstände habt - je länger die Vakanz dauerte - umso mehr gehofft, dass Frau Städtler-Klemisch zu Euch im Probedienst entsandt wird.
Alles hat sich gefügt. Wir sind froh und dankbar, dass Sie, liebe Schwester Städtler-Klemisch - wie für eine Pfarrerin im Probedienst üblich - diese Pfarrstelle „zur Vertretung“ bekommen; zunächst für drei Jahre. Wir hoffen, Sie und Ihr Mann bleiben noch länger hier.

Doch wir feiern heute nicht nur den Einsatz auf Ihrer ersten Pfarrstelle. Sie werden heute ordiniert. Die Ordination gilt lebenslang. Sie ist erstens die Berufung in die Nachfolge Jesus Christi und in ein Leben in fester Verbindung mit Gott, sie ist zweitens die Sendung in den Dienst der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums in vielen Aufgabenfeldern und sie ist drittens eine Segnung mit Handauflegung für all Ihren Dienst und Ihr ganzes Leben.

Nun könnten wir ans Werk schreiten und ordinieren, wenn da nicht noch dieses merkwürdige Bibelwort wäre. Es ist Ihr Ordinationswort, das - gerade weil es so kantig ist -der Auslegung bedarf.
Jesus distanziert sich von seiner eigenen Mutter Maria. Er sagt zu denen, die im Kreis um ihn sitzen: Ihr seid meine Mutter, meine Brüder. Vor allem auf katholische Christen - mit ihrer hohen Verehrung Marias - wirkt dieses Bibelwort noch viel härter.
Wohl gemerkt: Jesus sagt aber nicht über seine Familie, dass sie nicht mehr seine Mutter und seine Brüder seien, indem er die Runde vor sich dazu erklärt. Er stößt seine leibliche Familie nicht weg. Ob sie zu dieser geistlichen Familie gehören wird, ist noch offen; zum Zeitpunkt, von dem unsere Geschichte erzählt, wohl nicht.
Doch das wird sich ändern. Seine leibliche Familie wird lernen, dass Jesus von seinem Weg nicht abzubringen ist. Sie werden ihn als Heiland annehmen. Maria wird unterm Kreuz stehen. Am Pfingstfest danach werden sich alle Jünger in ihrem Haus treffen. Jesu Bruder, der so genannte Herrenbruder Jakobus, wird nach Jesu Tod die christliche Gemeinde in Jerusalem leiten.

Trotzdem ist damit die Härte dieses Bibelwortes noch nicht aufgelöst:
Manchmal führt das Leben in der Berufung zu Spannungen, ja zu Brüchen in Familien. Manchmal können die Ehepartner nicht mittragen, dass ein Pfarrer eine Pfarrerin ihre Berufung mit Haut und Haar lebt. Die Berufung in die Nachfolge und die Sendung in die öffentliche Verkündigung des Evangeliums umfasst und durchwirkt das ganze Leben.

Trotzdem brauchen Pfarrer, Pfarrerinnen Zeiten, die frei sind von Pflichten, frei um für sich zu sein, zum Beten oder Lesen eines Buches oder zum Jäten von Unkraut im Garten oder um Ehemann, Ehefrau zu sein. Wer nur arbeitet, sollte lieber zölibatär leben. Er oder sie nutzt sonst die Beziehungen nur aus, die ihn tragen.
Positiv ausgedrückt: Familiäre Beziehungen tragen uns. Sie wollen auch gefüttert werden, damit sie stark bleiben. Liebe Frau Städtler-Klemisch gönnen Sie sich bewusst Zeit für Ihren Mann und Ihnen liebe Menschen und für sich.

Der Fokus unseres Bibelwortes ist freilich ein anderer. Er macht deutlich: Menschen, die von Gott in ein Leben mit ihm gerufen sind, für die steht Gott, steht Jesus an erster Stelle.
Mein Mann weiß, dass meine erste Bindung die an Jesus Christus ist. Jesus Christus ist mein Bruder und mein Herr, meine erste und größte Liebe.
Gott sei Dank ist das für meinen Mann ebenso. Und das merkwürdige ist: Weil die Bindung an Jesus Christus für uns beide inniger als jede andere Beziehung ist, verbindet dies meinen Mann und mich mehr als jede andere Gemeinsamkeit.
Und auch in unserer Verwandtschaft fühlen wir uns mit denjenigen in ganz eigener Weise verbunden, die ebenfalls von Herzen Christen sind und Gottes Willen tun wollen.
Es ist so stützend nicht nur zu einer leiblichen sondern auch zu einer geistlichen Familie zu gehören; und dies umso mehr, wenn die geistliche und die leibliche Familie wie bei Jesus mehr und mehr oder wie bei Ihnen, liebe Frau Städtler-Klemisch, zusammenfinden.

Jesus nennt diejenigen, die den Willen Gottes tun, seine Verwandten.
Was ist der Wille Gottes? Das lässt sich einfach beantworten mit dem Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott von ganzem Herzen und Deinen Nächsten wie Dich selbst. Wir haben es vorhin im Evangelium dieses Sonntags gehört.
Während das Evangelium den Schwerpunkt auf die Liebe zum Nächsten legt, legt unser Predigttext den Schwerpunkt auf die Liebe zu Gott und zu Jesus.
Ich zitiere: Jesus sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Woher weiß er denn, dass die im Kreis um ihn sitzen, Gottes Willen tun? Unser Bibelwort macht augenscheinlich: Sie tun Gottes Willen, indem sie auf Jesus hören.

Das Christentum der Gegenwart in Deutschland krankt daran, dass wir zu einseitig denken; als sei der Wille Gottes nur der zweite Teil des Doppelgebotes, also die Nächstenliebe. Doch der Wille Gottes ist eben beides. Er ist auch: ihn zu lieben, auf ihn zu hören, mit ihm zu reden. Durch diese gepflegte Liebe zu Gott, wird auch unsere Liebe zu unseren Mitmenschen eine neue Tiefe erreichen.
Die Menschen in unserem Bibelwort taten Gottes Willen, indem sie dasaßen und Jesus zuhörten. Darum, liebe Gemeindeglieder: Sie gehen gewiss in nächster Zeit häufiger in den Gottesdienst, weil Sie Ihre Pfarrerin kennenlernen wollen. Gut so. Doch gehen Sie dann bitte weiter: Sie brauchen die biblischen Geschichten, Sie brauchen das Wort Gottes, damit Ihr Leben und ihre Liebe an Tiefe und Kraft gewinnen. Indem Sie sich um Christus scharen, tun Sie den Willen des Vaters.

Und nun der letzte Gedanke.
Wenn Jesus unser aller Bruder ist, dann sind wir Geschwister. Wir sind mit ihm verbunden und darum auch untereinander. Mich freut das so sehr, wenn ich diese Verbundenheit spüre. Du bist Christ und ich bin es auch. Wir folgen Jesus nach, wir versuchen es zumindest.
Unsere Kirche ist manchmal viel zu sehr Institution und zu wenig erfahrbare Gemeinschaft. Es ist gut, dass Gemeinschaftspflege wieder zunimmt in unserer Kirche, z.B. durch Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst oder Austausch über den Glauben in Alltagsexerzitien. Wir bekennen doch im Glaubensbekenntnis die Gemeinschaft der Glaubenden und die soll erfahrbar werden, indem wir einander Anteil geben, an dem, was uns bewegt.
Sie, liebe Gemeinde, bekommen eine Pfarrerin, die mit Ihnen zusammen sein will und wird, weil sie keine Nähe scheut und von Herzen gern Dorfpfarrerin ist. Sie werden erfahren, dass sie sich als Ihre Schwester im Glauben versteht, die mit Ihnen gemeinsam zu Christus gehört.
Gottes Segen für Sie als Gemeinde und für Sie, liebe Frau Städtler-Klemisch, zu diesem Familienleben mit Christus als Mitte.
Amen.