Ordination von Pfarrerin Mirjam Elsel

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am 12 September 2015 in Hirschaid, am Samstag vor dem 15. Sonntag n. Trinitatis zu Matthäus 6,33

Liebe Festgottesdienstgemeinde, vor allem liebe Mirjam Elsel

Einen Bibelvers aus dem heutigen Evangelium möchte ich Ihnen allen heute zusprechen und besonders Ihnen, liebe Frau Elsel, als Ihr Ordinationswort – denn ich glaube, dass Sie in Ihrem Herzen eine Reich-Gottes-Theologin sind:
„Trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, so wird Euch das alles zufallen.“ Was mit „das alles“ gemeint ist, wird vorher aufgezählt:
Kleidung, Essen und Trinken. Die Sorge darum, sollen Sie lassen, ja sogar die Sorge um die Länge Ihres Lebens. Ihr Leben ist in Gottes Hand. Er wird für Sie sorgen.

Die Aufforderung -  „Trachtet zuerst nach Gottes Reich“ - scheint allzu gut für ein Pfarrersleben zu passen. Doch dann könnte es folgendermaßen missverstanden werden:
Kümmere Dich zuerst um Deinen Pfarrberuf, dann erst um Deine Familie, dann wird Dir in der Familie schon alles zufallen.
Nein, so ist das nicht gemeint. Vielmehr gilt dieser Aufruf für alle Lebensbereiche: Kümmere Dich überall, wo Du auch bist, zuerst um Gottes Reich: in der Familie, im Beruf, wenn Du allein bist oder unter Freundinnen. Es soll Dir überall zuerst darum gehen, dass Gottes Liebe, seine Gerechtigkeit, sein Friede Raum gewinnt.

Jesus sagt dieses Bibelwort auch nicht nur seinen Vollzeit-Nachfolgern, den Jüngern, sondern zum ganzen Volk. Deshalb gilt diese Aufforderung nicht nur Frau Elsel und mir, sondern Ihnen allen hier im Kirchenschiff.
Was heißt das aber, dass wir zuerst nach dem Reich Gottes trachten sollen?
Wo ist Gottes Reich überhaupt? Es ist überall da, wo Menschen sich von Gottes Liebe leiten lassen. Darum wird der Himmel auch oft gleichgesetzt mit dem Reich Gottes, weil im Himmel Gott regiert mit seiner Liebe. Doch das Reich Gottes ist eben auch schon hier auf der Erde, wo Menschen sich von Gott leiten lassen.
Am Leben Jesu wird deutlich: in Gottes Reich geht es nicht um reich sein, es geht nicht darum, wie schön meine Kleidung ist, wie gut ich mich durchsetzen kann.
In Gottes Reich geht es darum, dass Gottes Liebe sich durchsetzt, dass seine Gerechtigkeit regiert, dass sein Friede unser Herz und unsere Umgebung erfasst. In Gottes Reich geht es um Gottes wirksame Gegenwart mitten unter uns.
Theoretisch kann man sehr engagiert im Pfarrberuf sein und sich dabei nicht um Gottes Reich kümmern. Die Gefahr ist ja, dass wir organisieren und leiten, besuchen und unterrichten – aber das Reich Gottes ist anderswo.
Aktivismus ist manchmal das Gegenteil von Reich Gottes. Es gilt bei allem, was wir tun und lassen – nicht auf unsere Wirksamkeit – sondern auf Gottes Wirksamkeit, auf Gottes Geist, zu vertrauen.
So können Sie, liebe Frau Elsel z.B. völlig genervt sein über einen Menschen, der sich gerade telefo-nisch über Ihren Gemeindebriefartikel beschwert. Aber dann öffnet Gottes Geist Ihr Herz für diesen Menschen und Sie merken, dass dieses Gespräch eine Riesenchance ist für Gottes Liebe; und aus dem Telefonat wird ein wirklich gutes Seelsorge-gespräch. Jede Situation, auch die unangenehmste, ist eine Chance für Gottes Reich.
Wenn wir nach Gottes Reich trachten, verlieren wir jede Angst, dass Flüchtlinge uns ärmer machen könnten; wir fragen, was wir ihnen geben können und lindern Not.

Wenn das Reich Gottes Raum greift, verändert das auch Kirchengemeinden. Diese Kirchengemeinde hat keine einfachen Zeiten hinter sich. Gerade bei den Engagierten gab es in den letzten Jahren viele Verletzungen. Wenn es gut geht, dann wird in solchen Zeiten, die Sehnsucht und das Gebet um Gottes Reich größer.
Gott sei Dank waren und sind hier viele Menschen, die nach Gottes Reich trachteten im Kirchenvorstand, im CVJM, in der gesamten Mitarbeiterschaft und in der katholischen und in der politischen Gemeinde.
Darum hat sich auch die Verheißung des Bibelwortes bereits angefangen zu bewahrheiten, dass Ihnen in der Gemeinde alles zufällt, was Sie brauchen.
Ich nenne einiges beispielhaft: In Buttenheim steht ein wunderschönes Kirchengebäude, angestoßen damals von Pfarrer Kühn und durchgetragen vom Kirchenvorstand. Pfarrer Harder und Pfarrer Mattke haben Brücken gebaut, sodass die Gemeinsamkeit in der Gemeinde gewachsen ist. Das war im Abschiedsgottesdienst von Pfarrer Harder sehr deutlich zu spüren. Das hat ihn sehr bewegt. Ich soll alle herzlich von ihm grüßen.
In Vorbereitung und Durchführung der „Feierabendgottesdienste“ und des Präparanden-unterrichtes hat sich viel Vertrauen und Lust am gemeinsamen Handeln gebildet. Die „Ellipse“ aus Matthäuskirche und Hagervilla ist ein echtes Kraftfeld geworden. Wer hätte das gedacht vor zwei Jahren. Vertraut darauf, Gott erhört Gebet nach Frieden und Liebe und Erweckung zum Glauben an Christus.
Natürlich haben sich in den letzten Jahren viele Menschen gemüht um Veränderung und um Gottes Reich, auch ich habe mich gemüht. Aber wir können uns noch so bemühen. Das Gelingen muss Gott selbst geben. Ich bin von Herzen dankbar, wie er geholfen hat. Er wird weiterhelfen. So ist die zweite Pfarrstelle nach Auslaufen des Einsatzes von Pfarrer Harder lückenlos besetzt mit unserer Ordinandin.
 
Liebe Frau Elsel, liebe Gemeinde und alle Anwesende. Denkt daran in Zukunft: bei all unserer Mühe um Gottes Reich, sind wir es doch nicht, die Gottes Reich bauen. Wir organisieren, überlegen, machen und tun. Doch wir bauen nicht Gottes Reich. Das tut Gott selbst durch uns. Darum muss unsere Sehnsucht sein, dass er durch uns wirkt. Unser Bibelwort heißt nicht: Baut Gottes Reich. Baumeister ist Gott selbst. Es heißt: Trachtet nach Gottes Reich. Die Einheitsübersetzung lautet: Es muss euch zuerst um Gottes Reich gehen. Das griechische Wort kann auch über setzt werden mit „suchen“. Sucht zuerst Gottes Reich. Es ist ja da – überall, wo Gottes Geist Menschen erfüllt und leitet. Darum legen wir Ihnen, liebe Frau Elsel heute die Hände auf im Vertrauen, dass Gott durch Sie wirken wird in Ihrem Dienst als Pfarrerin und mitten in der Kirche durch Sie sein Reich baut.

Wir Pfarrer und Pfarrerinnen haben es wirklich gut. Wir können das Trachten nach Gottes Reich in unserem Beruf in sehr direkter Weise ausüben. Wir können von Jesus erzählen, wie Gott durch ihn sein Reich verwirklicht hat und weiter verwirklicht. Wir können anderen sagen: Gott braucht Dich in seinem Reich. Wir können Hoffnung wecken, weil wir glauben, dass Gott wirken will.

Christus selbst ruft Sie heute in den Dienst der öffentlichen Verkündigung seines Evangeliums. Er sendet Sie in diese Welt hinein und er segnet Sie dafür. Niemand ruft und sendet Jesus, ohne ihn oder sie zu segnen. Gesegnet zu sein für diesen Dienst aber bedeutet: Alles, was Sie brauchen, wird er Ihnen schenken.
Er hat Ihnen ja schon so viel geschenkt:
Ein liebendes frommes und zugleich offenes Elternhaus, zwei wunderbare Kinder, einen Mann, Dr. Markus Trenkle, der Sie unterstützt, gute Freunde, viele Gaben, dazu gehört ihre Kommunikationsfähigkeit, Ihr freundliches Wesen, Ihre Liebe zu Gottesdienst, Ihre christliche Spiritualität, aus der Sie leben und die sie Sie auch in unserer Kirche stärken wollen.
Darin und aus vielen Gründen, sind Sie auch ein Geschenk für unsere Kirche. Sie waren bis vor sechs Jahren katholisch und bringen das Beste aus der katholischen Tradition mit in den Dienst als evangelische Pfarrerin. 
Sie sind den Weg der Pfarrverwalterausbildung gegangen. Das bedeutet, dass die evangelisch-theologische Ausbildung verkürzt wurde, weil Sie andere anerkennenswerte Kompetenzen einbrin-gen können: Sie haben das Examen in katholischer Pastoraltheologie und die Zwischenprüfung in Romanistik und Betriebswirtschaftslehre.
Sie arbeiteten als  Referentin für Bolivien-partnerschaft und Entwicklungspolitik beim Bund der Katholischen Jugend in der Diözese Trier. Vier Jahre waren Sie Selbständige Beraterin für entwicklungspolitische Bildung und im Anschluss ab 2007 Projektkoordinatorin der Interreligiösen Fraueninitiative Bamberg und ab 2010 freibe-rufliche Beraterin für Interreligiöse Begegnung.
Nach Ihrem Studienjahr für Evangelische Theologie ab September 2012 an der Augustana-Hochschule absolvierten Sie das Vikariat bei Pfarrerin Wittmann-Schlechtweg in Hallstadt. Nun sind Sie da. Sie sind Pfarrerin auf einer halben Stelle - doch mit ganzem Herzen.

Sie leiten als Pfarrerin und sind doch Teil einer Gemeinschaft. „Trachtet zuerst nach Gottes Reich“ - die Verbform ist im Plural: „Trachtet“. Das geht nicht allein, sondern nur gemeinsam:
Die Kirchengemeinde mit dem CVJM und umgekehrt, die Evangelischen mit den Katholischen und umgekehrt, die Pfarrersleute mit den Ehrenamtlichen und umgekehrt, die Mitarbeiten-den mit den Teilnehmenden und umgekehrt. Frau Elsel mit Herrn Mattke und umgekehrt.
Für eine Gemeinde mit zwei Pfarrerleuten ist es wichtig, dass die beiden miteinander Gottes Reich suchen. Dazu hilft, dass die beide einander kollegial zugeordnet sind. Pfarrer Mattke ist der Pfarramts-führer, das bedeutet, er hat die Leitung der Verwaltung der Gemeinde. Doch er hat nicht die Leitung über Pfarrerin Elsel. Dienstvorgesetzter beider ist der Dekan. Nie soll Eure Frage sein: Wie kann ich mich durchsetzen, sondern wie kann Gottes Friede, seine Gerechtigkeit, seine Liebe sich durchsetzen unter uns und in unserer Gemeinde.
Wenn Pfarrer unablässig so miteinander fragen, dann ist das ein großer Segen für eine Gemeinde. Gott schenke das Ihnen beiden und der Gemeinde. Wie schön, dass Sie beide sich auf die Zusammen-arbeit freuen. Gottes Reich braucht Sie gemeinsam.

Mit der Ordination überträgt unsere Landeskirche Ihnen, liebe Frau Elsel, das Recht der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Sie haben damit ein Hirten-, Lehr-, und Leitungsamt.
In den Ordinationsfragen, die ich Ihnen jetzt gleich stellen werde, wird das Spektrum Ihrer Aufgaben deutlich werden. Die letzte Ordinationsfrage an Sie wird lauten:
„Bist Du bereit, in der Nachfolge Jesu Christi jederzeit so zu leben und zu wirken, wie es Deinem Auftrag entspricht?“ Dies macht deutlich, dass wir mit unserem ganzen Leben in den Dienst am Reich Gottes genommen sind, auf der Kanzel und am Esstisch zu Hause, im Dienst und im Urlaub. Wie in der Taufe und Konfirmation handelt es sich bei der Ordination um eine Lebenshingabe.
Sie geben Ihr Leben hin und werden es neu empfangen. Sie schenken sich Gott und er wird sich Ihnen schenken in seiner Fülle. Sie verlieren sich an ihn und finden sich wieder in ihm.
Gott wird mit Augen der Liebe auf Ihr Leben schauen. Er weiß, was Sie brauchen – nicht nur im Dienst, sondern auch in Ihrer Familie, in Ihrer Gesundheit. Er wird für Sie sorgen. Hören Sie auf ihn – auch wenn er Ihnen sagt, dass nun Zeit ist zur Erholung, zur Rekreation. Sie sind doch sein geliebtes Geschöpf, das er erhalten will, weil er Sie liebt und weil er Sie braucht für sein Reich mitten unter uns.
Amen.