Ordination von Sarah Schimmel

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Matthäus 6,25-34 am 29.09.2019 in Gleisenau

„Sorget nicht um Euer Leben“. Die in unserem Bibelwort genannten Sorgen – genug Essen, Trinken und Kleidung für morgen - sind nicht mehr so sehr unsere Sorgen.  Eher schauen wir, dass das, was wir essen, lowcarb - nicht so kalorienreich ist. Und es ist gut, wenn wir unseren Kleiderschrank ab und zu ausmisten und das, was wir drei Jahre nicht getragen haben, in die Spangenbergsammlung geben.
Was sind unsere Sorgen? Für viele ist es die eigene Gesundheit oder die eines lieben Menschen. Manche manchen sich auch Gedanken, ob die Kraft reichen wird, alle anstehenden Aufgaben zu erfüllen.
Der Kirchenvorstand hier von Gleisenau hatte in Vergangenheit immer wieder Sorgen bei der Gemeindeleitung. Sorgenfrei Gemeinde leiten, geht das überhaupt?
Sie, liebe Frau Schimmel, stehen am Anfang Ihres Berufslebens. Ich gestehe: nach den ersten 100 Tagen Dienst als Pfarrerin lag ich kurzzeitig  weinend auf meinem Bett: 2800 Gemeindeglieder, zwei kleine Kinder - immerhin teilten mein Mann und ich uns die Stelle - trotzdem war es zu viel. Niemand mache sich rückwirkend Sorgen um mich; es wurde alles gut. Doch ich erzähle das, um deutlich zu machen: Der Berufsanfang hat es in sich. Die Arbeit ist da, aber die Übung fehlt noch. Auch Gleisenau ist eine große Gemeinde. Wird die Anforderung zu groß werden? Zwischendurch bestimmt. Umso wichtiger das Wort heute für Sie, liebe Frau Schimmel: Sorgt Euch nicht!
Sorge Dich nicht Sarah Schimmel, Gott hat schon so viel geschenkt in Deinem Leben, er wird Dich weiter beschenken. Er wird durch Dich leuchten, durch Dich wirken, durch Dich sprechen. Sein Reich will er durch Dich bauen. Er wird Dir durch seinen Geist, der in Dir wirkt, schenken, was Du brauchst. Das ist die Botschaft des Bibelwortes für Sie, liebe Frau Schimmel.

Schauen wir auf das, was Gott Ihnen bisher schon in Ihrem Leben und Ihrem geistlichen Werdegang geschenkt hat:
Ihre Eltern haben Ihren Weg ins Leben und in die Kirche gefördert. Sie gewannen in Fleckl das Bild einer einladenden, fröhlichen Kirche an Feiertagen und Kindernachmittagen.
Sie lernten in Bayreuth St. Georgen schon als Jugendliche zu leiten - in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, ja sogar als junge Kirchenvorsteherin. Menschen, die ihren Glauben authentisch lebten, haben Ihnen gut getan.
Sie lernten die Welt kennen – zumindest einen kleinen entfernten Teil von ihr – durch ein Jahr in Australien.
Ihr Blick weitete sich durch das Studium der Kulturwissenschaft mit Religion und Wirtschaftswissenschaft bis zum Bachelor.
Gott sei Dank konnten Sie – trotz der Sorgen wegen des erforderlichen Erlernens der alten Sprachen – doch ihrer Berufung folgen, Pfarrerin zu werden. Sie studierten Theologie in Neuendettelsau und Leipzig.
Ihre Mentorin Anne Salzbrenner hat als Vollblutpfarrerin die praktische Einübung in den Pfarrberuf in der Kirchengemeinde Lichtenfels gekonnt begleitet.
Ein Geschenk ist auch Ihr Zugang zu gelebter Frömmigkeit durch die Einübung in die Spiritualität von Taizé. Damit können Sie andere anstecken hier in Gleisenau.
Viel hat Gott Ihnen schon geschenkt! Auch heute beschenkt Gott Sie mit seinem Segen.
Heute werden Sie nicht nur eingesetzt in diese Stelle hier, wie Pfarrer Foltin oder Pfarrer Gregori vor ihnen. Sie bekommen diese Stelle – wie das bei Berufsanfängern üblich ist – erst einmal zur Vertretung. In drei Jahren wird dann der Kirchenvorstand und Sie - je für sich und auch gemeinsam - überlegen, ob es hier in Gleisenau miteinander weitergehen kann und soll. Ich mache mir diesbezüglich aber keine Sorgen, sondern vermute eine positive Bilanz in drei Jahren.
Was heute bei der Ordination geschieht, ist also nicht nur der Segen für den Einsatz in den drei Jahren Probedienst. Vielmehr hat der Segen der Ordination – wie die Priesterweihe - lebenslange Gültigkeit bis zum Tod. Sie werden im Blick auf ihr ganzes Leben berufen, gesendet und gesegnet. Sie werden berufen in die Christusnachfolge, gesendet in den Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung und gesegnet für all ihren Dienst und ihr ganzes Leben.

Das Evangelium dieses Sonntags tut Ihnen gut, so haben Sie es in unserem Ordinationsgespräch selbst gesagt. Sie möchten dieses „Sorget nicht“ bewusst hören. Denn Sie sind ein Mensch, der sich sorgt. Es ehrt Sie sehr, dass Sie das freimütig sagen. Da stelle ich mich sogleich neben Sie und gebe zu: Auch ich bin ein Mensch, der sich sorgt. Ich habe Verantwortung. Ich sorge mich um Gemeinden, die vakant sind und die Menschen in ihnen; um die Veranstaltungen, die vor mir liegen, weil die gut werden sollen. Manchmal packt mich die Sorge, ob die Vorbereitungszeit langt für alles, was in meinem Terminkalender steht. 
Liebe Frau Schimmel, vermutlich „ticken wir“ da ähnlich. Es sind wohl gerade die verantwortungs-bewussten Menschen, die Leitungspersönlich-keiten, die zur Sorge neigen, weil sie vorausschauend denken. Sie nehmen Probleme vorweg, die sich ereignen könnten und suchen durch Planung zu vermeiden, dass sie geschehen.
Das ist zwar einerseits eine große Illusion, denn Probleme kommen trotzdem. Doch dieses vorausschauende Denken ist auch eine große Stärke. Die zeichnet Sie aus. Und ich habe diese Stärke an Ihnen wahrgenommen, als ich Sie geprüft habe in Ihrem Examensgottesdienst.
Als Sie dann sagten, Sie brauchen eine Stelle im Raum Bamberg, dachte ich bei mir: Gleisenau ist eine große Gemeinde, eigentlich zu anspruchsvoll für eine Berufsanfängerin. Doch Frau Schimmel ist begabt und hat etwas zu sagen, sie kann klar durchdenken und konstruktiv leiten. So kam dieser Einsatz in Gang.
Ich danke dem Kirchenvorstand sehr für den Beschluss, den er nachträglich dafür fasste. Und ich danke auch den Gemeindegliedern in Eltmann, dass sie ihr Jubiläumsfest verlegt haben.
Das haben Sie getan, weil Sie sich freuen über die neue Pfarrerin. Zu Recht, denn Sie bekommen in Frau Schimmel eine sorgsame, gute Pfarrerin.

Aber zurück zum Bibelwort, das ja dem Sorgen Grenzen setzen will:
Heuer im August war ich eine Woche zu Schweigeexerzitien in Wittenberg. Ich besuchte die täglichen Mittagsgebete in Stadtkirche, jener Kirche, in der Luther rund 2000 Mal gepredigt hat. Dort lag ein Gebet Luthers auf. Es trug die Überschrift: Sorgen des Berufs. Ich zitiere aus seinem Gebet zu Gott:
„Nun hast du mir diesen Beruf auferlegt. Aber es geht nicht so, wie ich es gern möchte. Da ist so vieles, was mich bedrückt und ängstet. Doch ich weiß weder Rat noch Hilfe. Darum befehle ich dir alles an. Rate mir, hilf, sei du selbst alles in dieser Angelegenheit.“
Auch Luther hatte Sorgen. Er sagte ja auch, mit den Sorgen sei es wie mit den Vögeln. Man kann nicht verhindern, dass Sie einem über den Kopf hinweg fliegen. Aber man kann verhindern, dass sie ihr Nest auf dem Kopf bauen. Wir können verhindern, dass die Sorgen sich einnisten. Wir können einüben, was Luther tat:
Die Sorgen Gott vor die Füße legen und bitten: Sei Du alles: Rat, Hilfe, Weg, Kraft.
Es geht ja nicht um uns. Es geht um ihn, um sein Reich. „Trachtet zuerst nach Gottes Reich“ – dazu ruft Jesus nicht nur die Pfarrer, sondern uns alle auf. Mehrt den Glauben, die Liebe und die Hoffnung in dieser Welt.
Wenn wir in dieser Haltung leben, dass es nicht um uns geht, dann wächst eine große Freiheit. Die Sorge, dass wir es gut machen, tritt zurück. Natürlich braucht es unseren Einsatz, unseren Fleiß, unsere Sorgsamkeit. Doch wenn es um Gottes Reich geht, dann wird Gott auch selbst dafür sorgen, dass das, was wir tun, zum Blühen seines Reiches beiträgt.
Dann können wir nach getaner Arbeit auch mal die Beine hochlegen, ein Sudoku lösen, spazieren gehen und Gott machen lassen. Dann wächst die Zuversicht, dass Gott für uns und die Gemeinde sorgt, dass Friede wächst, dass Jugendliche Zugang finden zu Gottesdiensten, dass Menschen getröstet sterben können. Wir werden zu Menschen, die Gott erwarten. Manch gute Idee schenkt er uns gerade in der Ruhe vor ihm.

„Sei Du alles“, betet Luther. Solch ein Gebet, gesprochen von Ihnen, liebe Frau Schimmel, könnte einem Ehemann, der ja auch etwas sein will im Leben seiner Frau, Sorgen machen. Ihnen nicht, lieber Herr Schimmel, denn Sie trachten ja selbst nach Gottes Reich.
Und gerade, wenn zwei Eheleute zuerst nach Gottes Reich trachten, dann gibt es nichts auf der Welt, was mehr verbinden kann. Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, dass Sie den Weg zu diesem Ziel mit Ihrer Frau gehen.

Ihr Lieben alle: Dieses Ziel – das Reich Gottes - beutet unsere Lebenskraft nicht aus. Denn der erst hat dieses Ziel im Blick, der auch verstanden hat, dass nicht die eigene Anstrengung, sondern Gottes Geist, Gottes Kraft der Weg zum Ziel ist. Gott selbst baut sein Reich – in unserer Gemeinde, in unserer Familie, in unserem Leben. Und er kann viel besser zum Zug kommen, wenn wir mit Luther beten: Sei Du alles – meine Hilfe, mein Rat, meine Kraft. Dann wird Gott alles sein. Und alles, was Ihr braucht für Eure Arbeit, für Euer Leben, wird Euch zufallen.
Amen.

In diesem Vertrauen ordinieren wir Sie, liebe Frau Schimmel und bitten um Gottes Geist mit dem Lied: „Komm Heilger Geist mit Deiner Kraft“.