Ostersonntag

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zu Joh. 20,11-18 am 21.04.2019 in der Stadtkirche Bayreuth

Unser Bibelwort, das Grundlage meiner Predigt ist, steht im Johannesevangelium Kapitel 20, 11-18

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. 13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
    14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Liebe Gemeinde
Maria Magdalena ist völlig aus der Spur geworfen und in einer abgrundtiefen Lebenskrise. Sie war eine der engsten Jüngerinnen Jesu. Sie war mit ihm unterwegs, sie hat alle seine Reden gehört, alle seine Wunder gesehen, seine liebevolle, klare Ausstrahlung genossen.
Doch nun ist ihr Meister, von dem sie neu zu leben und zu glauben gelernt hat, tot. Tiefer in Trauer kann ein Mensch kaum fallen als Maria Magdalena, weil es ihr nicht nur um sich selbst geht. Sie hatte doch erfahren, wie Jesus Menschen verwandeln, Stimmungen umdrehen konnte. Sie setzte in ihn Hoffnungen, dass er das Leben noch vieler Menschen verwandelt.

Ihr bleibt nichts als ihrem Lebens- und Glaubensmeister noch am Grab die letzte Ehre zu erweisen. Doch selbst diese Möglichkeit scheint ihr genommen, weil der Leichnam weg ist. 
Dass die Männer im Grab Engel sind, ahnt sie nicht. Die wollen sie aus ihrer Trauer aufwecken: Frau, was weinst Du? Sie heult ihre Verzweiflung heraus: „Sie haben meinen Herrn weggenommen“.
Sie nennt den totgeglaubten Jesus also immer noch ihren Herrn, kyrios. Schon ist er da und spricht zu ihr dieselben Worte wie die Engel: „Frau, was weinst Du?“.
An Jesus als Auferstanden denkt sie nicht entfernt. Stattdessen, er sei der Gärtner und damit der mögliche Schuldige dafür, dass der Leichnam weg ist. Anklagend fragt sie: „Wo hast Du ihn hingelegt?“ Es ist, als ob diese Erzählung  humorvoll aufzeigt, in welch absurde Situation Maria kommt, weil sie Jesus tot glaubt. Sie macht ihn zum Gärtner, der seine eigne Leiche gestohlen hat.

„Maria“ – Jesus spricht sie mit Namen an. Da ist der Schleier der Trauer, der all ihre Wahrnehmung getrübt hat weg. Sie erkennt seine Stimme als er ihren Namen ausspricht; nimmt wahr, dass ihr Lebens- und Glaubenslehrer lebt: „Meister“ sagt sie, fällt auf die Knie und umfasst ihn, sodass er bittet: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.“
Ich muss noch weiter und auch sollst gehen.
Er gibt ihr einen neuen Lebenssinn. Bisher war er der Lehrer. Nun soll sie Lehrerin werden. Er legt ihr in den Mund, was sie sagen soll. Das richtet sie den Jüngern aus und verkündigt ihnen: „ich habe den Herrn gesehen“.

Nur acht Verse lang ist diese biblische Geschichte. Doch in ihr ist eine völlige Lebensverwandlung, eine Situationsumkehrung beschrieben - innig und liebevoll und weltumstürzend. Das Wissen, dass Jesus auferstanden ist, hat nicht nur ihr Leben verwandelt, sondern ihren Blick auf die Welt.  Sie weiß, Jesus wird weiter Menschen und Situationen verändern. Seine Auferstehung verändert alles.

Es war vor mindestens 12 Jahren. Mein Mann und ich machten zusammen mit einem befreundeten Ehepaar Urlaub. Wir hatten von Hrastovlie gehört, einem kleinen verschlafenen Ort in Slowenien mit einem romanischen Kirchlein, berühmt für sein Totentanz-Fresko des Malers Johannes aus Kastav, gemalt vor 1500.
Und wirklich, dieser Totentanz ist beeindruckend. Er zieht sich über die ganze Längsseite der Kirche. Seine Botschaft lautet: Dem Tod entgeht keiner. Denn so viel Menschen gemalt sind, so viel Skelette sind es auch. Jeder Mensch ist beidseits an der Hand eines Knochenmannes, der Bischof wie der Bettler, die Hausfrau wie der Handwerker, der Greis und als letztes wird sogar ein Kind Teil dieser Kette. Jeder Mensch hat sozusagen ein Skelett als Tanzpartner, das ihn in den schon bereitstehenden Steinsarg graziös hineinführt.
Makaber aber wahr. Jeder hat seinen Tod. Lange und fasziniert standen wir vor diesem Totentanz. Nach einiger Zeit verließen wir das Kirchlein und wanderten zurück zu unserem Auto. Fast waren wir schon dort, da packte mich eine Frage.
Allein rannte ich zurück in die Kirche. Und tatsächlich: Ich erblickte, über der ganzen Totenpolonaise, die sich nach rechts in den Sarg hineinbegibt, einen zweiten Figurenreihe, die nur in umgekehrter Richtung gelesen werden kann: 
Zu sehen sind von links nach rechts zuerst die Frauen unterm Kreuz, dann Jesu Grablegung, dann Jesus im Reich des Todes, wie er den teufelsähnlichen Tod, der mit Eselsohren gemalt ist, mittels eines langen Speeres aufspießt; und schließlich der Auferstandene, wie er aus dem Steinsarg steigt, sein Fähnlein schwenkt und fröhlich dem Betrachter entgegentritt.
Vor lauter Faszination angesichts des Totentanzes, der sich auf Augenhöhe präsentiert, hatte ich nur die untere Hälfte der Wand gesehen und die eigentliche Botschaft dieser Kirche nicht wahrgenommen, die höhere Wirklichkeit, die Gegenbewegung zum Totentanz. Der Tod der so mächtig mitten unter uns  Menschen tanzt, ist aufgespießt, ist lächerlich gemacht, entmachtet. Fröhlich rannte ich zum Auto zurück.

Warum hatte ich das eigentlich nicht gleich gesehen? Vielleicht ist das gar nicht so untypisch. Wir meditieren das Negative, weil es fasziniert: Wie oft war ich sprachlos vor Entsetzen als ich die zerstörten Städte Syriens sah.
Wie groß ist meine Sorge, dass die Polarkappen schmelzen könnten und die Erderwärmung dann explodiert.
Wie packt mich die Befürchtung einer neuen Gewaltwelle in Nordirland als Fluch des Brexitweges, wenn ich höre, dass in der Nacht zum Karfreitag im nordirischen Londonderry 50 Brandsätze gegen Polizisten geflogen sind und eine Journalistin getötet wurde.
Der Totentanz nimmt in den Bann.
Und wir sehen – wie ich in Hrastovlje – nur die untere Etage und nicht, dass der Tod aufgespießt ist und Eselsohren hat.

Doch es gibt sie, dies Gegenbewegung zum Totentanz. der  Chor hat sie uns  heute mittels eines neuen Liedes vorgesungen. Das Lied besingt den Tanz ins Leben, den Maria als erste mitgeht: „Halleluja, es bricht ein Stein. Erstanden ist Christus. Ein Tanz setzt ein. Ein Tanz, der um die Erde und Sonne kreist, der Reigen des Christus, voll Kraft und Geist, der Tanz, der uns alle dem Tode entreißt.“

Der Glaube an die Auferstehung verwandelt auch mich. Da trauere ich, dass in unserer Verwandtschaft ein Kind nicht getauft wird. Es tut mir weh, dass dem Kind das Sakrament der Gotteskindschaft vorenthalten wird. Doch ich höre förmlich wie Auferstandene, mich anspricht: Dorothea.
Vielleicht trauern auch viele unter Ihnen, dass die Weitergabe des Glaubens in die nächste Generation oft nur brüchig gelingt. Doch liebe Ostergemeinde, Christus ist auferstanden. Er selbst führt die Gegenbewegung an, setzt dem Tod die Eselsohren auf. Der wird nicht siegen. Auch der Unglaube wird nicht siegen, weil Jesus selbst Menschen begegnet und sie verwandelt.

Es gibt so viel Grund in unserer Welt zur Trauer und Sorge. Menschlich, geistliche, gesellschaftlich weltpolitisch. Menschlich: Der Tod bricht wirklich ein, in Ehen, in Familien, in Nachbarschaften. Geistlich: Der christliche Traditionsabbruch greift um sich, selbst in unserem Lebensumfeld. Gesellschaftlich zeigen die Gelbwestebewegung und die Brandbomben in Nordirland eine offene Aggressionsbereitschaft, die auch in unserem Land längst da ist.
Weltpolitisch sind wir nicht in einem Klimawandel, sondern in einer Klimakrise. 
Krisen individuell, geistlich, gesellschaftlich, weltpolitisch sind da; und sie binden unseren Blick. Der Totentanz fasziniert.
Doch in unserem Bibelwort hören wir die doppelt gestellte Frage: Frau, warum weinst Du? Doppelt gestellt, damit wir sie nicht überhören und wenn wir sie überhören, wie Maria, dann hören wir doch heute, wie Christus unseren Namen ruft, sodass wir antworten: Meister.

Nicht der Tod, Christus ist unser Tanzpartner. Er ist unser Meister, der unseren Reigen, die Polonaise anführt, in der wir als seine Gemeinde mitschreiten ins Leben bis wir im Himmel sind. 
Ja, es gibt die große Gegenbewegung in dieser Welt zum Tanz des Todes.
Es gibt in dieser Welt eine Bewegung, die oft schon die Wende gebracht hat, wo wir sie nicht erwartet hatten.
Da steht in Tansania auf Sanisbar eine Kirche mit einem Altar just an der Stelle, an der früher Sklaven verkauft wurden.
Da steht bei Ludwigsstadt ein Altar just an der Stelle, an der früher Menschen abgeknallt wurden, die über die Grenze wollten.
Da gab es vor 21 Jahren den Karfreitagsvertrag in Nordirland, der lange Ruhe geschenkt hat. Und wieder Protestieren Katholiken und Protestanten gemeinsam für Frieden.
Und die Bewegung zum Schöpfungsschutz gewinnt an Kraft.
Da ist einer am Werk, der dem Tod das Handwerk legt.
„Wir folgen dem Christus, der mit uns zieht, stehn auf, wo der Tod und sein Werk geschieht, im Aufstand erklingt unser Osterlied.“ So sang der kleine Chor. Und wir haben eingestimmt: Halleluja, es bricht ein Stein, erstanden ist Christus, ein Tanz setzt ein.
Frau, was weinst Du, Mann, was trauerst Du. Christus ruft Deinen Namen und führt Dich ins Leben.

Mehr noch, wie Maria bittet er uns, dass wir andere auffordern, diesen Reigen mitzutanzen, der ins Leben führt.
Wohin sendet Christus uns heute und in den kommenden Tagen? Wo sind Menschen, die traurig sind, weil sie wie Maria am Grab – wie ich in Hrastovlje - die höhere Wirklichkeit nicht sehen, dass Jesus lebt und in unserer Welt eine Gegenbewegung da ist, die zum Leben führt.
Zu ihnen sind wir gesandt. Ob es Greise sind oder Kinder, wir können ihnen sagen, was wir glauben: Dass es doch eine Bewegung gibt, die ins Leben führt, angeführt von Jesus, dem Auferstandenen, der uns alle dem Tode entreißt.  Amen.