Podiumsdiskussion „Taufe und Konversion im Asylverfahren" am 29.06.2018

Begrüßungsrede von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner

Sehr geehrte Damen und Herren,

Willkommen zur Podiumsdiskussion „Taufe und Konversion im Asylverfahren“. Ein besonders herzliches Willkommen an alle auf dem Podium. Alle haben auf Anfrage hin sogleich zugesagt: Dr. Katharina Berner, Dr. Thomas Boese, OKR Martin, Ursula Gräfin Praschma und Dekan Dr. Schoenauer. Sie werden nachher durch Moderator Dr. Wagner noch einzeln vorgestellt.
Ich habe diese Veranstaltung angestoßen, denn das Thema beschäftigt mich seit Jahren. Begonnen hat es damit, dass unsere Gemeinden Asylsuchende begleitet hatten, die – vom Islam herkommend - Christen wurden, intensiven Taufunterricht besuchten, sich zur Gemeinde hielten. In einigen dieser auch mir bekannten Fälle wurde dann aber im Asylverfahren oder Folgeverfahren an der Ernsthaftigkeit des Glaubenswechsels gezweifelt, eine christlich geprägte Identität vermisst oder ein asyltaktisches Verhalten angenommen. Die begleitenden Pfarrer und Pfarrerinnen waren entsetzt, weil sie den Tenor des Bescheides oder des Urteils nicht mit ihrer Kenntnis der Person aus langer Begleitungszeit zusammenbringen konnten. Schwierig war für uns als Kirche auch, dass uns vorgehalten wurde, wir würden eine Konversionswelle fördern. 

Wie gehen wir als Kirche damit um?
Wir sind von Herzen dankbar für unseren Rechtsstaat und für eine geregelte Verwaltung bei unseren Behörden in Deutschland. Wir schätzen unsere Gerichte und ihre Unabhängigkeit. Ein funktionierender Rechtsstaat ist ein unermessliches Geschenk für unser Volk und Grundbedingung des bestehenden inneren Friedens. Das ist die Rahmensituation, die uns trägt.
Die Ausgangslage des heutigen Gespräches ist also ein enormes Grundvertrauen in die Gerichte und Behörden in unserem Land. Unter diesem Vorzeichen findet der Abend statt und unter diesem Vorzeichen ist es möglich heute über Taufe und Konversion im Asylverfahren zu reden.

Mit vier kritischen Fragen markiere ich das Feld, in dem wir uns dabei bewegen. Ich werde die Gründe für diese Anfragen nachher in Beispielen konkretisieren:
1.    Zum methodischen Vorgehen der Entscheider und Richter:
Wird in manchen Anhörungen und Gerichtsverhandlungen die Grenze zur theologisch wie rechtlich sehr zweifelhaften – aus unserer Sicht unzulässigen -  Glaubensprüfung überschritten? Ins Herz schauen können selbst Pfarrer und Pfarrinnen nicht – Richter und Entscheider auch nicht. Ich behaupte, dass diese Problematik von manchen Entscheidern gar nicht gesehen wird, weil sie kein theologisches Verständnis dafür haben, dass ihr Glauben prüfendes Vorgehen problematisch ist.

2.    Zur Kompetenz in religiösen Fragen:
Sind als Entscheider und Richter durchgängig Menschen am Werk, die mit dem Christentum und dem Phänomen des überzeugten Glaubens an Christus vertraut sind? Manche Formulierung in manchem Urteil legt nahe, dass hier Menschen urteilen, denen das Phänomen lebendigen Glaubens fremd ist. Oft wird dabei der Wert der Taufe in Frage gestellt, sie wird auf einen rein formalen Akt reduziert – und damit auch die Kompetenz der taufenden Pfarrer. Doch sie taufen nur, wenn sie Ernsthaftigkeit voraussetzen können!
3.    Zur Kompetenz in politischen Fragen:
Ich frage mich bei manchem Bescheid oder Urteil, ob die Situation in einigen islamisch geprägten Staaten hinsichtlich des Gefährdungsgrades von Personen, die sich der Apostasie schuldig gemacht haben, weil sie vom Islam zum Christentum übergetreten sind, wirklich angemessen beurteilt wird? Ist der Abschiebewille doch kräftiger als der Wille zur Wahrnehmung objektiver Gefährdung?
4.    Zum Grundsätzlichen:
Ist hier die Trennung von Staat und Kirche ausreichend beachtet? Beim Religionsunterricht beachtet der Staat, dass die Angemessenheit der Inhalte des Religionsunterrichtes allein von der Religionsgemeinschaft gewährleistet werden können. Analog müsste auch hinsichtlich der Religionsausübung Geflüchteter in den Verfahren berücksichtigt werden, dass der Staat sich in Fragen hineintraut, bei denen er grundsätzlich und im Einzelfall auf die Expertise der Glaubensgemeinschaft angewiesen ist.

Ich benenne zwei reale Beispiele. Die Personen haben Decknamen.
Schon beim ersten Fall stellen sich alle vier Fragen.
Ali schildert, dass er im Iran alle zwei Wochen in einen Bibelgesprächskreis ging. Er war vom Glauben überzeugt und erzählte seinen Arbeitskollegen davon. Überraschend wurde er gekidnappt und bedroht, damit er in Zukunft schweigt. Nach vier Tagen kam er frei. Als dann allerdings eine Frau, die zur Hausgemeinde gehörte, ermordet aufgefunden wurde, floh er.
In Deutschland suchte er sogleich Kontakt zur christlichen Gemeinde, besuchte regelmäßig die Gottesdienste und den Taufunterricht, ließ sich taufen und beteiligte sich auch sonst rege am Gemeindeleben. Für den Dekan, der selbst die Begleitung übernommen hatte, war Ali vertrauenswürdig in seinem Glaubensweg.
Der Entscheider des BAMF glaubte Ali die Entführung und Bedrohung nicht. Sie sei „unglaubwürdig“ ebenso wie auch sein Christsein, das er aus Opportunitätsgründen vorspiegele. Ich zitiere aus dem Bescheid: „Der Antragsteller hat eingeräumt, er sei vor der Hinwendung zum Christentum kein streng religiöser Moslem gewesen. Umso unverständlicher und nicht nachvollziehbar … ist der Wandel zum überzeugten Christen.“
Ich frage, warum ist das unverständlich? Stattdessen ist Wertung des Entscheiders theologisch unverständlich.
Er wertet die Taufe ausdrücklich als rein „formal“. Ich zitiere: „der Antragsteller (lässt) zu keinem Zeitpunkt seines Sachvortrags erkennen, dass er den Qualitätsumschlag vom Islam zum Christentum, also den Wandel von bloßer Sympathie zu einer festen Glaubensüberzeugung vollzogen hat … Die beurkundete Taufe wird indes nicht angezweifelt.“ Nach solch einem rein formalen Glaubensübertritt sei im Herkunftsland dann nach Rückkehr auch keine Gefährdung gegeben, denn der Übertritt sei ja im Feindesland erfolgt. Er könne seinen Glauben nach Rückkehr verleugnen.
Glücklicherweise urteilte das Verwaltungsgericht anders und bestätigte die Darstellung des Geflüchteten und die Einschätzung des Dekans hinsichtlich Gefährdung und Glaubenshaltung.
In einem analogen Fall dagegen stützte sich das Verwaltungsgerichtsurteil ganz auf den BAMF-Bescheid. Der Betreffende wurde abgelehnt und ist jetzt von Abschiebung am kommenden Dienstag bedroht. Ich setze mich ausdrücklich für ihn ein. Seine Abschiebung wäre ein großes Vergehen!

Das zweite Beispiel ist ein Bescheid des BAMF vom Anfang diesen Jahres:
Auf die Frage: Aus welchen Gründen zogen Sie den christlichen Glauben anderen Religionen vor?
War die Antwort Jesus war Gottes Sohn. Alle anderen Propheten waren Menschen. Dadurch wurde ich überzeugt. Es ist logischer, besser nachvollziehbar, Gottes Sohn zu wählen.
Und auf die Frage: „Wie kamen Sie erstmals mit dem christlichen Glauben in Kontakt?“ „In mir war etwas leer, ich suchte nach Gott. Auf Internetseiten fand ich etwas darüber, dass Christus uns mit Gott verbinden will. So konnte ich mich besser mit Gott in Verbindung setzen.“
Auf nochmalige Nachfrage:
„Gott der Vater hat seinen Sohn zu uns gesandt, dass wir errettet werden. Jesu Name bedeutet, er ist der Retter. Wir können durch seinen Namen errettet werden. Jesus ist der Einzige, der durch seinen Namen Vergebung für uns erlangen kann.“
Der Entscheider urteilt über diese Antwort folgendermaßen: „Ebenso wird nicht klar, was die Zuwendung zum Christentum auslöste … Das Gesagte – nämlich, dass Jesu Christus Gottes Sohn und kein Mensch war, sowie dass die Menschen durch ihn errettet werden – vermag als Motiv kaum zu überzeugen.“ Ja was denn dann? – möchte ich als Theologin zurückfragen.
Der Geflüchtete beantwortete zudem zutreffend Fragen zum Gottesbild im Alten Testament, zum Verhältnis von Altem zu Neuem Testament und zu seiner Glaubenspraxis.
Doch im Bescheid heißt es wörtlich: „Auch hier antwortet er mit biblischen Gleichnissen und dass es im Christentum um Liebe und Vergebung gehen würde. Weder wird damit die gestellte Frage beantwortet noch zeugt die reine Wiedergabe christlicher Lehre von einer intensiven persönlichen Auseinandersetzung mit Religion. Dies erweckt den Eindruck, dass diese fehlende persönliche Bindung an die Religion … durch umfangreiche religionskonforme Antworten kompensiert werden muss.“ Insbesondere stört den Entscheider, dass er den Islam kritisiert und das Christentum deutlich positiv absetzt.
Dieser Entscheider beurteilt Glauben des Geflüchteten in einer Weise, dass man denken muss, da sitzt einer, der den christlichen Glauben, wie die evangelische Kirche ihn vermittelt, nicht schätzt und einen Geflüchteten, der einen solchen Glauben für sich persönlich annimmt, schon gleich gar nicht.
Solch eine Glaubensbeurteilungspraxis muss ein Ende finden.

Zwei Beispiele, eines aus dem Osten, eines dem Westen Oberfrankens. Zwei von vielen, in denen die begleitenden Pfarrer ähnliche Erfahrungen machen.

Das soll zur Einführung genügen. Ich denke, das Problem, das wir heute behandeln, steht ausreichend im Raum. Ich wünsche uns gute Gespräche, in denen wir alle gut aufeinander hören.