Podiumsdiskussion Sterbehilfe auf Einladung von Staatsministerin Huml

Bei der Podiumsdiskussion zum Thema Sterbehilfe am 1. Juni 2015 in Bamberg geht Regionalbischöfin Dr. Greiner mit vier Punkten auf das Thema ein

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Huml,
sehr geehrte Mitdiskutanten auf dem Podium und im ganzen Saal,
ich freue mich auf unseren Austausch. Jedes Gespräch über Sterbehilfe bringt auch mich voran, weil ich bei diesem Thema immer auch Hörende bleibe.

Vier Punkte bringe ich ein zum Thema:

1.    Eine aktuelle, im April diesen Jahres durchgeführte emnid-Umfrage ergab, dass – wenn es um das eigene Sterben geht - zwei Ängste im Vordergrund stehen: Mit 61,8%, ein lange andauernder Sterbeprozess und mit 60,1%, Leiden unter starken Schmerzen oder schwerer Atemnot.
Viele Menschen haben Sterbeprozesse erlebt, in denen Menschen durch fehlende palliativmedizinische Versorgung sehr gelitten haben. Solche Erfahrungen und solche Ängste sind sehr ernst zu nehmen. Sie prägen die gegenwärtige Diskussion.
Meine Sorge ist, dass von diesen sehr bitteren Erfahrungen herkommend und aufgrund der eigenen Ängste ein Überschritt geschehen könnte, der darin bstünde, dass ärztlich assistierter Suizid oder gar Sterbehilfeorganisationen in Deutschland zu ermöglicht würde. Es gilt doch die Ursachen der Ängste zu beseitigen, nicht Sterbehilfe zu ermöglichen. Denn Sterbehilfe beseitigt die Ursachen verständlicher Sterbeängste nicht, sondern gibt den Ängsten nach. Angst aber ist ein schlechter Ratgeber guten politischen Handelns.

2.    Wir brauchen Ursachenbeseitigung durch eine allen Menschen  zugängliche palliativmedizinische Versorgung. Sie kann die Beschwerden in schwierigen Sterbeprozessen hilfreich lindern. Wir haben bereits einen politischen und gesellschaftlichen Konsens in unserem Land, dass die palliativmedizinische Versorgung ausgebaut werden soll. Wir sind bereits gute Schritte gegangen und haben doch die größere Hälfte des Weges noch vor uns:
Konkret heißt dies: a.) Wir haben hier in Bamberg am Klinikum eine Palliativstation, Hospize in Bayreuth und Naila, in Coburg soll nun eines entstehen. Doch bedenken wir: Mit bundesweit 300 Palliativstationen bei 2000 Krankenhäusern sind also nur ca. 15% aller Krankenhäuser damit ausgestattet. Dieser Prozentsatz ist zu gering, wenngleich nicht in jedem Klinikum eine Station vorgehalten werden muss. Wohl aber muss die Kompetenz zur Palliativversorgung nachweislich vorhanden sein.
b.) Eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung - kurz SAPV - muss aufgebaut werden, sodass Menschen palliativ versorgt auch zu Hause sterben können. Wir müssen darauf achten, dass die SAPV flächendeckend vorhanden ist. Darüber hinaus aber muss Palliativmedizin regulärer Bestandteil der Grundausbildung von allen Ärzten und Pflegenden werden, denn Sterben gehört zu jedem Leben.
c.) Es bedarf der zertifizierten Nachqualifikation von Hausärzten und Pflegenden aller Seniorenheime. Mit Freuden habe ich heute vernommen, dass in der Diakonie Bamberg/Forchheim  4 Mitarbeitende aus BA den 160-Stunden-Kurs in Palliativ Care absolviert  haben und 12 MA haben den 40-Stunden-Kurs. Für Herbst wird es zwei weitere Kurse mit je 40 Stunden geben.
Obwohl wir noch lange nicht am Ziel sind: Es ist schon so viel Hilfe möglich. Wer Menschen auf Palliativstationen und in Hospize besucht hat, erfährt, dass die Zeit des Sterbens zur guten Lebenszeit werden kann.

3.    Sowohl die die Ermöglichung von ärztlich assistiertem Suizid wie auch von Sterbehilfeorganisationen erhöhen nur auf den ersten Blick die Handlungsfreiheit des Menschen. Die Angst der Menschen mit der dritthöchsten Prozentzahl ist die Angst eine Belastung für die Familie zu werden; immerhin 53% nennen diese Befürchtung im Blick auf das eigene Sterben. Wenn das Gesetz assistierten Suizid ausdrücklich erlaubt, so wird der Druck für viele Menschen wachsen, sich aus dem Weg zu räumen. Warum bin ich noch da, wenn es diesen Weg gibt? Dieser Druck ist nicht zu unterschätzen. Daher mag die Ermöglichung des assistierten Suizids auf den ersten Blick die Handlungsfreiheit erhöhen. Auf den zweiten Blick aber wird neu erzeugter Handlungsdruck - bei Pflegebedürftigkeit dem Leben selbst ein Ende zu setzen - deutlich.

4.    Das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ ist eine klare Linie, die nicht überschritten werden darf. Wird sie durch Ermöglichung des assistierten Suizids doch überschritten, so ist damit eine schiefe Ebene betreten, auf der kein Halten mehr ist, weil immer neue Grenzfälle sich neue Ermöglichungen erstreiten werden. Das fünfte Gebot ist kantig und klar. Alle anderen Normen sind dem gegenüber weich und weiter aufzuweichen. Wer dies nicht glaubt, muss nur auf unsere Nachbarländer Holland und Belgien schauen.
Dort sind sowohl assistierter Suizid wie auch Tötung auf Verlangen erlaubt:
Holland verabschiedete im Jahr 2001 als erstes Land der Welt ein Sterbehilfegesetz. Aktive Sterbehilfe, bzw. - in der Formulierung des deutsche Ethikrates - „Tötung auf Verlangen“ sowie Hilfe zur Selbsttötung bzw. assistierter Suizid sind dort nicht strafbar, wenn der Patient aussichtslos krank ist oder unerträglich leidet. Die Zahl der so zu Tode gekommenen steigt seitdem unaufhörlich. Es ist nicht wahr, dass sich die Zahlen auf einem Level einpendeln. Im Jahr 2013 beendeten 4.829 Menschen auf eigenen Wunsch ihr Leben, 15% mehr als im Jahr davor; unerträgliche psychische Schmerzen gaben 42 Personen an, dreimal so viel wie im Jahr zuvor.
Im Mai diesen Jahres war in einer großen deutschen Zeitung zu lesen, dass ein Mann nun das Recht erstritten hat seiner Mutter beim Suizid zu helfen. „Demnach dürfen in den Niederlanden künftig nicht mehr nur Ärzte Sterbehilfe leisten, wie es das Gesetz vorsieht, sondern unter gewissen Umständen auch andere Personen.“ So fransen in Holland die Grenzen aus.
Belgien führte die Möglichkeit von Tötung auf Verlangen im Jahre 2002 ein. Im Februar 2014 wurde Belgien weltweit das erste Land, das für Tötung auf Verlangen keine Altersgrenze mehr vorgibt. Voraussetzung für die tödliche Injektion ist die völlige „Urteilsfähigkeit“ des Kindes. Die Ärzteschaft Belgiens ist tief gespalten, weil einige dann doch die Urteilsfähigkeit eines acht- oder zehnjährigen Kindes in Frage stellen. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz Eugen Brysch fordert eine EU-Initiative, die unterbindet, dass so wörtlich: „unsere Nachbarn das Töten selbst von Kleinkindern erlauben.“ Doch: Drei Viertel der Belgier votieren inzwischen laut Umfragen für die Sterbehilfe an Kindern. Das wäre vor 15 Jahre noch undenkbar gewesen. Die Entwicklungen in unseren Nachbarländern belegen: wenn das eigentliche Tabu: „Du sollst nicht töten“ durch Ermöglichung der Unterstützung beim Suizid durchbrochen ist, dann ist kein Halten mehr.

Zusammenfassend und ausblickend: Was können Christenmenschen gegenwärtig tun? Ich fasse die vier genannten Punkte zusammen und setze fünftens einen kurzen Schlusspunkt:
erstens die Ängste wahrnehmen und nicht kleinreden,
zweitens die Palliativ- und Hospizarbeit befördern durch politische und christliche Meinungsäußerung, durch Spenden und ehrenamtliches Engagement, 
drittens die großen Gefahren der Ermöglichung von Beihilfe zur Selbsttötung für unsere Gesellschaft und für die Menschlichkeit benennen,
viertens den Wert des fünften Gebots hochhalten,
fünftens neu unseren Glauben bekennen: Der Vater im Himmel hat mich ins Leben gerufen. Er wird mich auch wieder zu sich rufen, wenn es Zeit ist. Anfang und Ende meines Lebens liegen in seiner Hand. Dieses Vertrauen entlastet und befreit im Leben und Sterben. Zu dieser Haltung lasst uns einladen.