Reformationsfest am 31.10.2015

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner am Reformationsfest in der Kirche St. Jobst, Rehau

Liebe Festgottesdienstgemeinde!

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Das ist der biblische Leitspruch für das Reformationsfest und er ist es auch für meine Predigt. Er steht im Ersten Korintherbrief, Kapitel 3, Vers 11.

Sehr gerne bin ich heute wieder bei Ihnen. Dass ich heute bei Ihnen predige, hängt mit einem Stuhl zusammen: Im Sommer besuchten mich Pfarrer Wolf zusammen mit Frau Carolin Zahn, der Leiterin der Klasse 2D an der ´Fachschule für Produktdesign`. Sie brachten drei der 18 Stühle mit, die von der Klasse gestaltet worden waren zum Thema: Luther 2017 – 500 Jahre Reformation.
Alle drei mitgebrachten Stühle waren sehr ansprechend, doch verguckte ich mich gleich in den von Hannah Bauriedel, ohne zu wissen, was das Thema ihres Stuhles war. Ich hatte den Eindruck: Er handelt von Jesus Christus und der Kirche.
Als ich das Thema des Stuhles erfuhr, wunderte ich mich nicht mehr, dass er mich ansprach. Sein Thema war „Der Thesenanschlag in Wittenberg“. Und so hatte Pfarrer Wolf eine Predigerin für dieses Reformationsfest gewonnen.

Der Thesenanschlag in Wittenberg ist das Ereignis, an dem wir den Beginn der Reformation festmachen. Am 31.10.1517 schlug Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg an. In zwei Jahren feiern wir dessen 500-jähriges Jubiläum.
Doch können wir 500 Jahre Thesenanschlag und Reformation überhaupt feiern? Schließlich kamen danach Kirchenspaltung, der Dreißigjährige Krieg und weitere Kriege.
Ja, wir können 500 Jahre Thesenanschlag und Reformation feiern. Denn wir feiern da weder Kirchenspaltung, Kriege oder Martin Luther. Wir feiern, dass durch die Reformation Christus neu zum Leuchten gebracht wurde. „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, Jesus Christus“. Wir feiern, dass dieser Grund wieder sichtbar wurde.
Dazu bedurfte es des Besens der 95 Thesen und vor allem reformatorischer Predigt, der den Kirchenstall ausfegte: Raus mit den gekauften Bischofs- und Pfarrämtern und raus mit Ablasshandel. Da wurde das Evangelium neu sichtbar:
Christus ist Dein Erlöser. Hab keine Angst vor dem Tod und der Hölle. Christus hat Dir all Deine Schuld vergeben. Nimm seine Vergebung an und gründe Dein Leben allein auf ihn.

Schauen wir uns den Stuhl zum Thesenanschlag genauer an. Hannah Bauriedel scheint ein eine junge Frau zu sein, die mit biblischer Symbolik vertraut ist.
Was mich als erstes ansprach, war die knorrige Wurzel. An was erinnert Sie die Wurzel?
„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart“, singen wir an Weihnachten. Im Alten Testament beim Propheten Jesaja lesen wir (in Kapitel 11) die Ankündigung: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“
Christen glauben: Jesus ist dieser Zweig, der aus dem Stamm Isai hervorging. Das Matthäus-evangelium beginnt dementsprechend mit einem Stammbaum, der mit Abraham anfängt - über Isai und dessen Sohn David führt - und mit Josef endet, dem Ehemann Marias, die Jesus gebiert.
Den neuen Zweig aus der Wurzel stellt Hannah Bauriedel dar mit einer Holzlatte, die noch Rinde auf der Rückseite aufweist.
Die Wurzel also stellt das alte Volk Israel dar.
Und wofür ist das Rindenbrett Symbol?
Zwei Gedanken drängen sich doch auf:
Erstens Jesus Christus selbst. Er ist ja im Sinne Jesajas der Zweig, der aus der Wurzel herauswächst. Auch in seinen Leib wurden am Kreuz Nägel getrieben. Das Kreuz ist sogar angedeutet in der Form der Lehne.
Zweitens wird im Neuen Testament auch die Kirche als Leib Christi bezeichnet. Und so ist dieses Rindenbrett auch ein Bild für die Kirche, die aus dem Alten Volk Israel erwächst.
Die gespaltene Kirche ist zugleich der gespaltene Leib Jesu Christi. Das schmerzt nicht nur unsere Kirchen, sondern auch Christus selbst. Daher ist es so bedeutsam, dass wir das 500-jährige Jubiläum zum ersten Mal ökumenisch begehen werden als Christusfest. „Einen anderen Grund kann niemand legen, als den der gelegt ist“ – auch für die neue Einheit der Christen.
Vor 500 Jahren brach die Einheit, weil die Kirche zutiefst reformbedürftig, aber reformunfähig war. Für Geld bekam man Bischofsämter und Pfarreien, Befreiung von Höllenstrafen und ein gutes Gewissen. Ein Graus. Denn wir können nur angemessen Kirchen und Gemeinden – auch als Kirchenvorstand - leiten, wenn  wir uns von Christus leiten lassen. Allein in Christus kann unsere Gewissheit auf einen Platz im Himmel gründen, sonst ist es eine falsche Sicherheit.
Luther schlug seine 95 Thesen nicht nur an der Wittenberger Schlosskirche an. Der 34-jährige Theologieprofessor Martin Luther sandte sie an seinen eigenen Bischof, Albrecht von Magdeburg, Luther endet den Brief mit den Worten: „Denn auch ich bin ein Teil Deiner Herde. Der Herr Jesus behüte dich, hochwürdigster Vater, in Ewigkeit. Amen. Aus Wittenberg 1517, am Tage vor Allerheiligen.
Er sah sich als Sohn der katholischen Kirche. Er wollte sie nicht spalten, sondern reformieren.
Doch er traf eben mit seiner Kritik den Nagel auf den Kopf. Denn er schrieb in diesem Brief:
Es ist „die erste und einzige Pflicht aller Bischöfe …, daß das Volk das Evangelium und die Liebe Christi lernt. Christus hat niemals aufgetragen, Ablässe zu predigen, aber nachdrücklich hat er geboten, das Evangelium zu predigen. Wie groß ist das Entsetzen, welche Gefahr entsteht einem Bischof, wenn er - während das Evangelium verstummt - nur den Lärm der Ablässe auf sein Volk zuläßt und sich mehr um diese kümmert als um das Evangelium.“ Luthers Kritik war fundamental: Du, Bischof, musst die ewige Verdammnis fürchten, denn Du bist schuld, dass das Volk das Evangelium von Christus nicht mehr hört. Kein Wunder, dass man Luther vernichten wollte, wie zuvor den tschechischen Reformator Jan Hus, der vor genau 600 Jahren auf Konzil in Konstanz verbrannt wurde.

Die Farbe des Stuhles ist golden. Zu Recht, denn der Thesenanschlag ist uns kostbar, weil er Christus zum Leuchten brachte. Und dieses Leuchten verging nicht mehr und hält bis heute an. Wir Kirchen der Reformation sind dafür dankbar. Und freuen uns umso mehr, dass im Jahr 1989 in Augsburg die lutherische und die katholische Weltkirche besiegelten: In der Botschaft, dass Christus uns rechtfertigt im Gericht und sonst niemand und nichts, sind wir verbunden. Das Evangelium verbindet uns neu.
Was totes Holz nicht kann – lebendige Zweige können eine gemeinsame Baumkrone bilden – unter der viele Menschen Schutz finden.

Noch eine Besonderheit des Stuhles gilt es zu entdecken: An einer Seite ist die Holzbrücke zwischen vorderem und hinterem Stuhlbein angebrochen.
In der Zeit, in der der Stuhl bei mir in Bayreuth stand, habe ich darum manchmal auf den Stuhl einen Zettel gelegt: Bitte nicht draufsetzen.
Auf dem Thesenanschlag von damals können wir uns nicht ausruhen. Heute gibt es keinen Ämterkauf und keinen Ablasshandel mehr. Gott sei Dank. Doch - ist Christus heute Fundament unseres Glaubens und Handelns? Diese Frage gilt es heute genauso radikal zu stellen wie vor 500 Jahren. Aus der radikalen Orientierung an Christus wächst reformatorische Kraft für uns unser Leben, unsere Kirche, unsere Gesellschaft.
Dazu zwei Anwendungspunkte:
Erstens: Ich glaube, es wäre für Luther ein großes Leiden, dass es getaufte Kirchenmitglieder gibt, die – trotz inzwischen unglaublich günstiger Bibeln und trotz passender Brillen – sie nicht lesen.
Mich jedenfalls beunruhigt das zutiefst. Die elementaren Grundlagen unseres Glaubens gehen in unserem Volk mehr und mehr verloren. Ein Gesundschrumpfen der Kirche gibt es nicht. Das ist eine romantische Vorstellung. In den östlichen Bundesländern und Tschechien können wir sehen, dass die Erosion immer weitergeht. Wir brauchen eine neue Hinwendung zu Christus und zur biblischen Botschaft. Wir brauchen neuen Aufbau von Grund auf.
Ich brauche ihn auch. Vielleicht wundern Sie sich, doch ich habe mir vor einigen Wochen selbst nochmals eine andere Bibel gekauft – nicht anders vom Inhalt natürlich, sondern vom Aufbau. Eine Jahresbibel. Sie teilt die biblischen Bücher in appetitliche Häppchen auf, sodass man in einem Jahr durch die ganze Bibel kommt: Man liest jeden Tag einen Teil aus einem Psalm, einem altestamentlichem und einem neutestamentlichen Buch.
Sie glauben gar nicht, was ich da alles neu entdecke, wie spannend das ist. Mit der Bibel sind wir nie fertig. Sie birgt Schätze über Schätze, die uns bereichern ohne Geld.
Es fängt oft praktisch an. Ich habe einige Jahresbibeln dabei, die Sie gerne mitnehmen können – mit oder ohne Geld. Auch normale Bibeln mit Wortkonkordanz oder Bildern. Reformation damals wie heute geht nicht ohne die Kraft des biblischen Wortes. In jeden christlichen Haushalt gehört eine Bibel, die auch gelesen wird. Das ist eines meiner Ziele.
Wir können unseren Reformator nicht mehr ehren als dadurch, dass wir die von ihm übersetzte Bibel lesen. Christus selbst war ein Lehrer der Heiligen Schriften. Gründen wir uns mit Christus in der biblischen Botschaft und gewinnen so Standfestigkeit und reformatorische Kraft für unser Leben, die Kirche und die Gesellschaft.

Die zweite und letzte Anwendung zu unserem Bibelwort: Ausgehend von Christus dem Grund unseres Glaubens ist die Abwehr von Geflüchteten abgründig.
Warum? In unserer Bibel ist zu lesen, dass Jesus Christus selbst vom Gericht, das auf uns alle nach unsrem Tod zukommt, folgendes erzählt: Der Weltenrichter wird die Menschen scheiden in solche, die Kranke besucht, Hungernde gespeist und Fremde aufgenommen haben - oder eben nicht. Christus sagt dort: Ich selbst begegne Euch in den Fremden und erbitte Eure Hilfe.
Die erbärmlichste Politik wäre eine Politik ohne Erbarmen für Menschen in Not. Darum gilt es zuerst die notbringenden Fluchtursachen einzudämmen,
zweitens ursprungslandnahe Unterbringung menschenwürdig auszustatten,
drittens den Zustrom auf alle tragfähigen Schultern zu verteilen in europäischer Solidarität
und viertens die Menschen, die bei uns anlanden in Liebe aufzunehmen.
Und wenn alles drei vorher nicht gelingen sollte, bleibt uns die vierte Aufgabe doch - und wir können uns ihr nicht verweigern.
Warum? Weil Christus selbst uns in diesen Menschen begegnet und mit ihnen uns um Hilfe bittet. „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist“ – auch für unsere Hilfe.
Unsere christlichen Gemeinden zeigen in der Gegenwart große reformatorische Kraft. Wir hätten in diesem Land nicht eine solche Hilfsbereitschaft, wären wir nicht ein christlich geprägtes, christlich gegründetes Land.
Letzte Woche war ich bei einer Begegnung mit tschechischen Regierungs- und Verbandsvertre-tern. Manche sagen sehr offen: „Tschechien ist das säkularste Land in Europa. Der Kommunismus wollte den christlichen Glauben vernichten. Nun fehlt uns die Kraft christlichen Glaubens.“
Und so entsteht die absurde Lage, dass die entchristlichsten Länder auf einmal sagen: „Wir nehmen nur Christen auf“. Sie haben offensichtlich Sorge die letzten Reste christlicher Kultur auch noch zu verlieren. Nur: Dabei verfehlen sie Christus selbst, der uns in allen (!) Fremden begegnet. Doch wer die biblische Botschaft nicht kennt, weiß das nicht mehr.
So singen die Demonstranten bei Pegida Weihnachtslieder und halten Kreuze hoch, weil das die letzten Reste christlicher Tradition sind, die ihnen noch bekannt sind. Aber die biblische Botschaft und Christus als Grundlage ihres Lebens haben sie dabei längst verlassen.
Darum gilt es heute die christlichen Grundlagen – die Kenntnis der Heilige Schrift und die Liebe zu Christus zu stärken. Gegründete Christen haben keine Angst vor Überfremdung, sondern laden Fremde ein, ihr Leben und auch den Glauben an Christus, mit ihnen zu teilen. Wer im Glauben daheim ist, kann anderen Heimat bieten.
In Christus gegründete Menschen, haben reformatorische Kraft für die Gesellschaft. Auch hier in Ihrer Gemeinde engagieren sich viele für die Geflüchteten - mit gutem Grund: Christus.
Amen.