Verabschiedung von Dekan Otfried Sperl in der St. Stephanskirche, Bamberg

Rede von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner zur Verabschiedung von Dekan Otfried Sperl in den Ruhestand am 27. Juli 2014

Liebe Gottesdienstgemeinde,
vor allem liebe Familie Sperl und insbesondere lieber Dekan Otfried Sperl.

„Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,  spricht der HERR, Dein Erbarmer.“
Dieses Wort aus Jesaja 54, 10 wurde Dir bei Deiner Ordination zugesagt, lieber Otfried. Auf dieses, vor 38 Jahren gesprochene Wort, greife ich heute zurück. Denn wir verabschieden Dich heute nicht nur aus Deinem Amt als Pfarrer der Pfarrei St. Stephan und Dekan des Dekanatsbezirk Bamberg, sondern wir begleiten heute auch Deinen Schritt aus dem aktiven Pfarrdienst in den Ruhestand.

Blenden wir zurück. Wenn es nach Deinen Eltern gegangen wäre, hättest Du gar nicht Pfarrer werden sollen, weil Deine drei Brüder bereits diesen Weg eingeschlagen hatten. Ein Studienjahr am Augsburger Konsistorium sollte Deine große musikalische Begabung weiter fördern. Das gelang auch, doch Dein Wille zum Pfarrberuf blieb.
Nach dem Abitur 1968 prägte Dich die 68–Bewegung im Studium. Da wichen Berge und Hügel, die gesellschaftliche Landschaft veränderte sich enorm: Denken wir an die Befreiung aus Pseudo-Moral, oder die Friedensbewegung oder die Veränderung im Wahrheitsbegriff und im Menschenbild durch die Frankfurter Schule: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren“ – ein weiser Satz Adornos. Bei aller notwendigen Kritik an dieser Zeit: Gewaltfreie Kommunikation als Weg - und Konsens als notwendiges Kriterium für Wahrheit – das ist aus unserer Theologie seither nicht mehr wegzudenken. Gott sei Dank.
Das Passfoto auf dem ersten Blatt Deiner Akte zeigt dich als hübschen jungen Mann mit gepflegtem, gemäßigt schulterlangem Haar. So hast Du wohl ausgesehen als im November 1974 Dein Vorbereitungsdienst in Freising begann. Dein Mentor Friedrich Eras war zugleich Studenten-pfarrer. Ihn und was Ihr damals in der Ökumene erlebtet empfandst Du als Glück. Jede Woche feiertet ihr mit ausdrücklicher Unterstützung von Kardinal Döpfner gemeinsames Abendmahl mit der katholischen Hochschulgemeinde auf dem Freisinger Domberg.
Nach zwei Jahren wurdest Du - inmitten oberbayerischer Berge und Hügel - Pfarrvikar in Kochel am See und am 23. Januar 77 ordiniert. Durch Vakanz in Penzberg warst Du im letzten Jahr faktisch zwischen Starnberg und Walchensee allein mit 8 Predigtstationen. Inmitten dieser Berge von Arbeit brauchtest Du Hilfe von Gott und Menschen und hast sie auch erfahren.
Im November 79 begann Dein Dienst auf der zweiten Pfarrstelle in Lindau-Christuskirche. Es war ja nicht nur gesellschaftlich eine bewegte Zeit – in Lindau erklärte sich die Mehrheit des Stadtrates zur atomwaffenfreien Zone – sondern auch kirchlich. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wurden Anfang der 80er kirchliche Kernthemen – auch für Dich. Mit Georg Kugler hast du den ersten Bodenseekirchentag aufgebaut.

In dieser Lindauer Zeit habt Ihr geheiratet, Du und Bettina. Catharina und Moritz wurden Euch hier geschenkt und nach dem Wechsel ins mittel-fränkische Thalmässing: Magdalena und Veit.
Ab dem Dienstantritt in Thalmässing 1984 begann für Euch die Zeit der Stellenteilung. Denn auch Du, liebe Bettina, hattest beide theologische Examina absolviert. Unsere Landeskirche verlangte damals, dass Du, lieber Otfried, ein halbes Dienstverhältnis an Deine Frau abtratst. Dienstrechtlich war das damals schon fragwürdig. Doch die Solidarität mit den vielen Anwärtern auf das geistliche Amt und vor allem mit Deiner Frau ließen Dich einwilligen.
Nicht alle Ehepaare schaffen das - neben Tisch und Bett auch noch Altar und  Kanzel zu teilen. Doch Euch ist das gelungen.
In Thalmässig, in evangelischen Stammlanden, lerntet Ihr eine für Euch neue kirchliche Welt kennen. Beim Gottesdienst saßen Männer auf der 1. Empore, junge Männer auf der 2., Frauen im Schiff. Wenn die Abendglocken läuteten, unterbrachen die Kirchenvorsteher von sich aus die Sitzung zum Abendgebet. Die Festigkeit und Festlichkeit des Glaubens alter und kranker Menschen zu erleben bei der Feier des Hausabendmahls – bewegt Euch bis heute.
Ihr habt Euch in diese Gemeinde ganz hineingegeben und so konnte die Gemeinde auch Eure Impulse annehmen. Zum ersten Gemeinde-fest Thalmässings kamen an die 1000 Leute.
Heiße Tränen flossen zum Abschied und doch war es gut für die schulische Entwicklung der Kinder, 1991 nach Dillingen zu wechseln. Nach einigen weiteren Jahren Stellenteilung übernahmst Du, liebe Bettina, Schulunterricht am Gymnasium. Das hat sich auch hier in Bamberg fortgesetzt. Doch auch ehrenamtlich hast Du Dich eingebracht, in der Redaktion des Gemeindebriefs, in der Kantorei, als Predigerin – auch bei zwei Fernsehgottesdiensten. Gerade als Theologin warst Du Deinem Mann nicht nur Begleiterin, sondern auch unschätzbares Gegenüber.

Als Du, lieber Otfried, hier im Oktober 1999 diese Stelle in Bam-Berg antratst, brachtest Du aus Oberbayern, Schwaben und Mittelfranken vielfältigste Erfahrungen mit. Sie und nicht zuletzt auch die Aufgaben als Senior und stellvertretender Dekan im Dekanatsbezirk Neu-Ulm und als Landessynodaler von 90-96 haben dich vorbereitet auf Deine Aufgaben hier.
Durch Dein klares evangelisches Profil kombiniert mit freundlicher Verbindlichkeit kam der Bund des Friedens in Christus zum Tragen zu den katholischen Glaubensgeschwistern. Vertrauen, ja Vertrautheit konnte wachsen zwischen Dom-Berg und Stephans-Berg.  Als der Bad Bernecker Dekan in Ruhestand trat, wurdest Du 2008 Ökumenebeauftragter des Kirchenkreises. In dieser Rolle hast Du auch mich immer wieder vertreten. Das hat sich bewährt, und Du hattest darin stets mein vollstes Vertrauen. Auch die weltweite lutherische Ökumene hast Du gepflegt. Nicht umsonst ist heute Bischof Akyoo hier.
Den Bund des Friedens, den Gott Dir zusagt, den wolltest Du spürbar werden lassen im Verhältnis zu anderen Religionen, insbesondere zur jüdischen und zur muslimischen Gemeinde. Wie notwendig dieses Ziel ist, zeigt sich gegenwärtig beispielsweise im Irak und im Gaza-Streifen. Keiner meine, dass Konflikte, in denen sich soziale, nationale, kulturelle und religiöse Gründe ungut vermengen, nicht auch in Deutschland sein können. Der uns von Christus geschenkte Friede will durch Liebe weiterwirken – gerade im Verhältnis zu anderen Religionen.

Berge und Hügel weichen nicht, aber Problemberge und Sorgenhügel können weichen durch die Gnade Gottes und seinen Friedensbund mit uns: Du hattest zu Beginn neben dem Dekansamt noch die Pfarramtsführung für die große Gemeinde St. Stephan. Das war ein unbezwingbarer Berg Arbeit. Es ist Gnade, dass Du gesund geblieben bist. Die Pfarramtsübergabe an Pfarrer Neunhoeffer ist bestens gelungen.
Auch Sorgen im Diakonischen Werk, der Gesamtkirchenverwaltung, dem Jugend- und dem Erwachsenenbildungswerk konnten überwunden werden. Nicht zuletzt auch darum, weil durch Deinen partnerschaftlichen Leitungsstil Deine Kompetenzen und die anderer zum Zug kommen konnten: im Verwaltungsrat, dem Pfarrkapitel, dem Dekanatsausschuss, im Team der Hauptamtlichen in St. Stephan. Das gute Miteinander hat Dich selbst getragen.
Du bist – und das habe ich bewundert - in den letzten Jahren nicht kürzer getreten, sondern hast fast noch verstärkt gesucht, Probleme und Sorgen einer Lösung zuzuführen. Du hast bis zum letzten Tag angepackt und aufgebaut, das wird am sinnenfälligsten an der gut voranschreitenden Baustelle Stephanshof. Deine Vorbereitung auf den Ruhestand bestand darin, dass Du alles dafür getan hast, ein möglichst gut bestelltes Haus zu hinterlassen. Dass und wie Dir dies möglich war, dafür danken wir heute Dir und gemeinsam unserem Gott.

Deine virtuose Musikalität, die selbst einem verstimmten Klavier in Tansania vergnügliche Klänge entlocken kann, Deine stille Beharrlichkeit in wesentlichen Fragen, Dein unaufdringlicher Esprit in Reden und Predigten, Dein bescheidenes Auftreten mit natürlicher Autorität, all das sehen wir als Geschenk Gottes. Es ist Gnade für Dich und für uns, dass Du diese Gaben einbringen konntest mit dem Ziel, das Evangelium von Gottes Gnade und seinem Frieden zu Gehör zu bringen in unsere Kirche in fast 40 Jahren Dienst.
Eigentlich sind es sogar 50 Jahre. Denn hättest Du nicht 10 Jahre vor dem Theologiestudium schon  die Orgel geschlagen und dabei die Predigt Deines Vaters und mancher junger Pfarrer gehört, wärst Du gar nicht Pfarrer geworden und dann hätte in den 40 Jahren Deinem Standbein Theologie, das Spielbein Musik gefehlt. Nun kann es wieder freier schwingen.

Deine Ordination gilt weiter, lieber Otfried, und Dein Ordinationswort auch. Berge und Hügel weichen kaum; so wie auch in Bam-Berg Dom- und Stephans-Berg fest stehen. Doch Problemberge und Sorgenhügel können auch in Zukunft weichen, wie Du es bisher schon erfahren hast in Deinem Leben. Denn Gottes Gnade und sein Friedensbund mit Dir, mit Euch, wird gewiss nicht hinfallen.
Amen.