Visitation im Dekanatsbezirk Wunsiedel

Predigt von Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner beim Festgottesdienst anlässlich der Visitation im Dekanatsbezirk Wunsiedel am 28. Juni 2015 zu Lukas 6,36-40

Liebe Gemeinde!

Das Evangelium dieses Sonntags steht bei Lukas, Kapitel 6:

Jesus sprach: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in Euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.“

In meiner Predigt werde ich uns das Bibelwort zuerst in zwei Schritten erschließen und dann im Hauptteil der Predigt auf die Gemeinde anwenden.
Zum einen. Unser Bibelwort ist voller Imperative, die fast erschlagen können:
Seid barmherzig. Richtet nicht. Verdammt nicht. Vergebt. Gebt.
Manche, die sowieso so ein Männchen im Ohr haben, das ihnen ständig sagt, was sie zu tun haben, die spüren frommen Leistungsdruck. Doch genau davon will Christus uns befreien. Wenn seine Aufforderungen uns Druck machen, dann kommt der nicht von Christus, sondern von uns selbst oder anderen.
Als Nachfolger Jesu Christi sind wir wie Schale. Wir lassen uns erst von Gott füllen und geben dann weiter, was wir empfangen haben. Gerade für die Mitarbeitenden in einer Gemeinde, die so viel geben und einbringen, ist es unerlässlich, dass wir uns nicht selbst und unsere Kräfte auspressen, sondern uns von Gott beschenken lassen und nur weitergeben, was wir von ihm empfangen haben. Freilich ist diese Haltung ein lebenslanger Lernweg, auch für mich.
Dazu ein Bild: Angesichts der wunderschönen -  vergangen Dienstag teilweise noch geschmückten – Wunsiedler Brunnen erinnerte ich mich auch an den Brunnen meiner letzten Gemeindepfarrstelle Holzkirchen. Er ist aufgebaut aus Kaskaden von Schalen. Die obersten Schalen werden durch einen Wasserstrahl immer wieder gefüllt. Wenn sie randvoll sind, schütten sie das Wasser fast automatisch aus in die zweifache Menge an Schalen, die unter ihnen sind. Die füllen sich mit der Zeit auch – und geben wieder das Wasser ab für die zweifache Menge Schalen unter sich. Dieser Brunnen war mir immer ein wunderschönes Bild dafür, dass wir geben, was wir empfangen haben und der Segen sich ausbreitet.
Es ist fast ein Automatismus: Als an Christus Glaubende geben wir weiter, was wir empfangen haben. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Manchmal braucht es vielleicht noch einen Anstoß: Du hast durch Christus Vergebung empfangen, so vergib, wie Dir vergeben ist. Wem trägst Du etwas nach? Hör´ auf damit. Gott hat Dir Barmherzigkeit entgegengebracht, gib sie weiter, sei barmherzig mit den Schwächen Deiner Arbeitskollegin, Deines Ehemannes, Deines Kindes, Deines Vaters oder einer anderen Kirchenvorsteherin, eines anderen Mitarbeiters. Sei barmherzig; vergib; und gib auch ihm und ihr weiter, was Du selbst empfangen hast.

Nun der zweite Schritt: So wichtig, dieser Gedanke vom Weitergeben des Empfangenen ist, hat doch unser Bibelwort einen neuen Gedanken. Es richtet unseren Blick nicht auf die Vergangenheit sondern in die Zukunft; nicht auf das, was uns gegeben ist, sondern gegeben werden wird:
„Vergebt, so wird Euch vergeben, gebt so wird euch gegeben.“ Diese Perspektive in die Zukunft kombiniert Jesus mit einem Gleichnis:
Er fragt sehr bildhaft: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.“
Mit dem Meister meint Jesus sich. Er will unser Lebensmeister sein. Von ihm lernen wir den Weg der Barmherzigkeit, des Vergebens und Gebens zu gehen, eben vollkommen zu leben.

„Vollkommen“ dieses Wort macht manchen schon wieder Druck. Denn fehlerlos und ohne Schwächen wird niemand von uns werden. Doch bei Jesus ist „Vollkommen“ das Gegenteil von „perfekt“. Perfekt ist fehlerlos. Die Vollkommenheit, zu der Jesus uns führen will, ist dagegen die Vollkommenheit in der Liebe, im Frieden, in der Freude und hier in unserem Bibelwort vor allem: in der Barmherzigkeit. Und zur Barmherzigkeit gehört doch notwendig als Voraussetzung, dass wir und andere Fehler und Schwächen und Bedürfnisse haben, sonst gäbe es doch gar nichts, womit wir barmherzig umgehen müssten.
Von Jesus lernen wir vollkommen zu leben: barmherzig, vergebend und gebend. Und wie geht das? Schauen wir auf unseren Lebensmeister: Er hat sich von seinem Vater im Himmel beschenken lassen. Er war offen für ihn wie eine Schale. Er hat alles, was er für die Zukunft brauchte, vom Vater erwartet.
Zurück zu jenem Schalenbrunnen. Ich habe erzählt, dass die Schalen sich erst füllen lassen. Dann gießen sie das Erhaltene aus in andere. Sie geben. Doch das ist ja nur die eine Hälfte des Geschehens. Was ist, wenn sie leer sind? Bei diesem Brunnen schwenken Sie sofort wieder zurück in ihre Grundhaltung, in der sie lange bleiben: Sie sind offen nach oben und lassen sich neu füllen.
Und genau das meint unser Bibelwort: Gebt, so wird Euch gegeben. Ihr werdet nicht leer bleiben, wenn ihr gebt. In der Meisterschule Jesu Christi lernen wir von Herzen zu geben. Wir geben, ohne nehmen zu wollen; doch gerade dann, werden wir empfangen. Und das verheißt uns unser Bibelwort.
Christliche Hoffnung stirbt nicht zuletzt. Christliche Hoffnung stirbt nie, weil wir einen Gott haben, von dem wir etwas erwarten können.
Manche Erwartungen sind unrealistisch, doch manchmal ergeben sich offene Türen, die wir vorher gar nicht sahen. Blinde, die miteinander in die Grube der Depression fallen sind wir nie, weil wir sehen, was Gott uns schon geschenkt hat und weil wir in der Gewissheit, ja Erwartung leben, dass Gott uns füllt mit Gutem, auch in der Zukunft.
Glauben heißt, in einem Grundvertrauen in die Zukunft gehen, dass Gott weiß, was wir brauchen in unserem persönlichen Leben und im Leben der Gemeinde.

Was heißt das konkret für Ihre Gemeinde? „Offene, bunte, den Menschen zugewandte Kirche“. Das war das Thema meiner Visitation, so hat es sich der Kirchenvorstand gewünscht. Bei meinen verschiedenen Besuchen in Ihrer Gemeinde habe ich wahrgenommen, wie sehr dieses Thema nicht nur ihr Leitmotiv ist, sondern schon Gestalt gewonnen hat in Ihrer Gemeinde.
Offene, bunte, den Menschen zugewandte Kirche – dass Ihre Gemeinde das ist, das war geradezu mit Händen zu greifen als ich letzten Dienstag diese Kirche betrat, die noch geschmückt war von Ihrem jährlichen Projekt „Offene Kirche“. Ich sah die wunderschönen bunten Tücher, die von den Emporen herunter hingen. Ich hörte, dass am vergangenen Wochenende und Sonntag 50 Mitarbeitende im Einsatz waren, die Hunderten von Menschen zugewandt waren, die in diesen zwei Tagen die offene Kirche betraten.
Ihre offene, bunte, den Menschen so zugewandte Kirche hilft Kirchendistanzierten, sich zu öffnen für Gott, ihm danke sagen, Ängste und schweren Erfahrungen loslassen, Bitten auf ihn richten und sich segnen lassen und wieder etwas von Gott zu erwarten.
In den Erzählungen der Mitarbeitenden war deutlich zu spüren, dass auch sie beim Geben Kostbares empfangen haben: Sie haben die Dankbarkeit der Menschen gespürt, haben wahrgenommen, wie das, was sie von Gottes Barmherzigkeit und Liebe weitergeben, den Menschen gut tut. Das hat ihnen auch selbst gut getan, sie berührt und tief im Innern gefreut. Das ist ein Beispiel dafür, wie sehr das stimmt, dass wir selbst wieder empfangen, wenn wir geben.

Ihr Kinder habt gesungen:
„Es gibt so viele Steine, die liegen nur herum“, so fing die erste Strophe an. Doch in der zweiten heißt es:
„Jedoch aus vielen Steinen entsteht ein buntes Haus. Dann freuen sich die Leute und spenden gern Applaus. Kein Stein ist wie der andere, jeder hat sein Gesicht, doch braucht man alle Steine, damit der Bau nicht bricht“.

Ja manchmal ist schon die Gefahr da, dass der Bau bricht oder zumindest an einer Stelle bröckelt.
Auch in dieser Gemeinde: Es wunderbar, wie viele Kinder gerne zur Gruppe Senfkorn gehen. Frau Schödel hat lebendig davon erzählt. Doch nun muss eine Mitarbeiterin aufhören und zwei junge Frauen gehen zur Ausbildung an einen anderen Ort – eine davon wird Diakonin, das ist schön. Freilich braucht es nun neue Mitarbeitende.
Sie alle sollen wissen von dieser Situation und im Sinne des Wochenspruchs: „Einer trage des anderen Last“ vielleicht mitüberlegen, wer da ins Team mit einsteigen könnte. Vielleicht ist sogar jemand unter uns. Man darf sich auch selbst melden für die Mitarbeit – auch für Jugendarbeit oder zum Lernen eines Blasinstrument, für einen zu gründenden Besuchsdienst, für die Unterstützung des bunten Gemeindelebens. Ich habe es schon erlebt, dass Menschen traurig sind, nie angesprochen worden zu sein. Heute spreche ich Sie an: Sie alle werden gebraucht, jeder auf seine Art. Gib Dich hinein, in das Leben dieser Gemeinde.

Manche unter Ihnen werden vielleicht denken: Ich bin kein Mitarbeiter, ich gebe ja nichts in die Gemeinde hinein. Ich gehe ja nur in den Gottesdienst, in die Atempause oder in die Sonntagsinsel. Ich bin nicht wichtig für diese Gemeinde. – Nein; so denke ich nicht von Ihnen. Wenn Sie kommen, so wie heute, geben Sie Ihre Anwesenheit, sich, und das ist ganz viel.
Was wären unsere Gottesdienste – die normalen und die besonderen Gottesdienste, die Konzerte, der Begegnungskreis, der Missionsgebetskreis, die Hauskreise und Alltagsexerzitien, was wäre all das, wenn niemand käme?  - Dann würde der Bau wirklich zusammenbrechen und die Steine lägen wieder einfach nur herum. Zu kommen, da zu sein, mitzureden, mitzubeten, mitzusingen oder zu brummen ist ganz viel. Wer etwas vorbereitet, freut sich über jeden, der kommt. Eine Gemeinschaft von Christen lebt von ganz verschiedenen Formen des Gebens. Auch das Gebet für die Gemeinde ist Mitarbeit. Jeder der gibt – sich hineingibt durch Anwesenheit, Gebet oder Mitarbeit  – wird empfangen.

Ihr Kinder bringt Euch auch ein, ihr singt und macht anderen damit ganz viel Freude. Das spürt ihr vielleicht auch und das freut euch auch. Ähnlich ist das bei allen Chormitgliedern und auch im Posaunenchor. Ja sogar in den oft anstrengenden Arbeitsfeldern der Diakonie, sei es in der ambulanten Krankenpflege, bei der Tafel oder im Babystübchen. Niemand, der dort Jesus unserem Lebensmeister folgt, wird nur geben. Er wird empfangen.
Manchmal braucht es Durchhaltevermögen. Was haben da Menschen am Anfang bei der Arbeit gegen Rechtsextremismus hier in Wunsiedel investiert. Am Anfang war der Widerstand schwer. Und nun ist Ihnen vieles geschenkt: Hier ist die Angst in ein Lachen verwandelt worden. Jedes Mal muss ich lachen, wenn ich daran denke, dass den Rechten bei ihrem Marsch Bananen angeboten wurden unter der Überschrift „mein Mampf“.  Der Widerstand gegen Rechts kam aus der Kirchengemeinde und hat die Kirchengemeinde doch verändert. Ihre Gemeinde ist inzwischen sehr wach. Wenn die Rechtsextremen bei Ihnen, wie gerade in Rehau, den Flüchtlingsstrom missbrauchen würden für ihre Parolen, wäre hier sofort ein starker und bunter Widerstand da.
Auch hier gilt: Eine Kirchengemeinde, die sich in die Gesellschaft hineingibt, wird empfangen. Wer Jesus nachfolgt, ihn Lebensmeister sein lässt, der verliert seine Blindheit auch im politischen Bereich, schreit nicht einfach Parolen mit, sondern hört auf sein Wort, auf seinen Ruf zum vollkommenen barmherzigen Leben.

Wir geben uns in der Nachfolge Jesus Christi hin und empfangen uns zurück als Menschen, die gesegnet sind für unseren Weg. Wir geben uns hinein in die Gemeinde und erfahren, Christus ist schon da und er wird da sein, auch in Zukunft.
Ihr Wunsiedler habt viel empfangen darum seid von Herzen dankbar für Euer buntes, offenes den Menschen zugewandtes Gemeindeleben. Gebt Euch weiter hinein, jeder in seiner Weise - und Ihr werdet empfangen.
Amen.