Kirchweihgottesdienst in der St. Laurentiuskirche Thurnau am 29.07.2012

Kirchweihgottesdienst in der St. Laurentiuskirche Thurnau am 29. Juli 2012
Predigt zu Josua 24,14-16

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gottesdienstgemeinde!

Viele Kirchengemeinden kämpfen mit der Entwicklung, dass eine Kirchweih, die nicht zugleich ein Jubiläum mit runder Zahl ist, für die Bevölkerung kein besonderer Anlass mehr zu sein scheint, in die Kirche zu gehen. Das wird sicher auch in Thurnau nicht viel anders sein.

Eigentlich braucht es aber gar keinen besonderen Anlass, um in die Kirche zu gehen. Dass es Sonntag ist und die Glocken zum Gottesdienst rufen, ist Anlass genug.
Doch wir wissen alle genau, dass wir hier im Kirchenschiff die Minderheit sind und dass für die Mehrheit der Sonntag und die Glocken keinen ausreichenden Impuls darstellen, in die Kirche zu kommen – und die Kirchweih auch nicht.

Das kann man beklagen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht klagen sollten. Es hat auch keinen Wert zu behaupten: Früher war alles besser. Auch früher gab es schon Enttäuschungen über mangelnden Gottesdienstbesuch. Nein – es war nicht alles besser früher.

Heute zum Beispiel ist etwas besser als letztes Jahr. Die Kirchengemeinden Limmersdorf und Thurnau haben sich entschieden, einander wechselseitig zur Kirchweih zu besuchen.

Die Limmersdorfer drücken mit ihrem heutigen Besuch aus: „Wir freuen uns mit Euch, liebe Thurnauer, dass Ihr eine Kirche habt. Das feiern wir mit Euch.“
Und die anderen sagen den Limmersdorfern: „Wie schön, dass ihr da seid!“

Manche Kirchengemeinden pflegen eher eine herzliche Beziehung zu einer lutherischen Gemeinde in Tansania als zur Nachbargemeinde. Das ist manchmal viel schwerer.
Wie gut ist es, wenn zwischen benachbarten Kirchengemeinden deutlich wird: Christus verbindet uns. Liebe Thurnauer und Limmersdorfer: ich gratuliere Ihnen zu Ihrer innerlutherischen Nachbarschaftspflege. Sie ist nicht selbstverständlich. Sie ist vorbildlich. Kompliment! Weiter so.

Ich freue mich über jeden und jede – egal woher, der oder die heute da ist. Es war die richtige Entscheidung. Sie haben den Kaffeetisch und den Herd und die Zeitung, den Garten, den Fernseher, den PC und was immer Sie hindern könnte, hinter sich gelassen.

Jeder und jede freut sich, dass er oder sie nicht alleine hier sitzt, sondern dass auch andere gekommen sind und mitbeten, mitsingen, mitfeiern. Jeder und jede, die kommt trägt zum Festcharakter des Gottesdienstes bei, auch „Voices of Joy“ und alle Mitwirkenden.

Auch Gott freut sich. Letztlich lädt Gott selbst uns ein zu kommen und Sie sind seiner Einladung gefolgt.

Wir hier im Kirchenschiff schauen in keiner Weise herab, auf diejenigen, die nicht da sind. Wir fühlen uns nicht als bessere Christen. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Und doch sind Sie mit Ihrem Kommen ein Vorbild für andere. Ja, lassen Sie es sich sagen: Sie sind ein Vorbild.

Auch Josua war ein Vorbild. Hören wir das Bibelwort aus Josua 24, 14-16. Es ist der reguläre Predigttext für den Kirchweihsonntag.

14. Josua sprach zum ganzen Volk: Fürchtet den Herrn und dient ihm treulich und rechtschaffen und lasst fahren die Götter, denen eure Väter gedient haben jenseits des Euphratstroms und in Ägypten, und dient dem Herrn.

15. Gefällt es euch aber nicht, dem Herrn zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt.
Ich aber und mein Haus wir wollen dem Herrn dienen.

16. Da antwortete das Volk und sprach: Das sei ferne von uns, dass wir den Herrn verlassen und anderen Göttern dienen!

Liebe Gemeinde!

Josua stellt sich vor das Volk und sagt: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.“ Da spricht ein jüdischer Patriarch. Er hat sich entschieden, Gott zu dienen und damit wissen die Ehefrau und Kinder, die Knechte und Mägde, was Sache ist: Sie haben die 10 Gebote zu beachten. Sie gehen zum Gottesdienst. Sie beten vor jedem Essen und jedem Getränk. Sie feiern die jüdischen Feste.

Der Josua von heute täte sich schwer so vor das Volk zu treten und zu sagen: „Ich aber und mein Haus wir wollen dem Herrn dienen“ – wenn er sich nicht vorher mit seiner Frau abgestimmt hätte.

Es könnte sein, dass die jüdische Frau von heute sonst würde protestieren würde: „Seit wann sprichst Du von Dir im Wir-Stil und pflegst den pluralis majestatis. Du kannst unser Haus gerne in Zukunft allein bewohnen als multiple Persönlichkeit.“

Die Zeit der Patriarchen ist weitgehend in unserer Gesellschaft vorbei. Ich trauere ihr nicht nach. Die patriarchale Zeit war nicht besser. Stellen Sie sich vor, Sie als Frau wären Christin und der Patriarch sagt: „Ich aber und mein Haus wir wollen Mohamed dienen.“

Oder: „Ich aber und mein Haus, wir glauben an keinen Gott.“ Schwierig für eine gläubige Christin.

Auch für Männer war das Patriarchat nicht unbedingt immer einfacher. Denn Frauen im Patriarchat fanden schon ihre eigene Form doch zu herrschen. Ich glaube, wir sind uns einig: Besser als jede patriarchale oder matriarchale Struktur ist wohl wirklich echte Partnerschaftlichkeit, in der keiner und keine über den oder die andere herrscht.
In unserer Gesellschaft ist jeder und jede frei zu glauben oder nicht zu glauben. „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“. Diesen Satz würde schon unser Grundgesetz nicht zulassen, wenn nicht wirklich beide wollen. Keiner und keine darf dem anderen seine oder ihre Religion oder Religiosität aufdrücken.
Das würde auch dem Kern christlichen Glaubens widersprechen. Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir können unseren Mann oder unsere Frau nur einladend bitten, es mit uns zu tun. Das freilich solllen wir auch bei passender Gelegenheit immer wieder freundlich und ohne Druck tun.

„Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“. Dieses Bibelwort wählen sich manche Ehepaare als Trauspruch. Sie bringen mit diesem Spruch zum Ausdruck: Wir beide wollen es: Unser Zusammenleben als Eheleute und Familie, die Atmosphäre in unserer Wohnung, unser eigenes und unser gemeinsames Leben sollen davon geprägt sein, dass wir Christen sind und Gott mit allem, was wir sind und haben dienen wollen.

Beim Christsein geht es um Grundeinstellungen, Grundlagen, auf die sich das Leben aufbaut. Wenn in einer Ehe diese Grundlage nicht gemeinsam ist, dann ist ein gemeinsames stabiles Lebensgefüge viel schwerer herzustellen.

Wenn sich dagegen zwei Eheleute an diesem Punkt einig sind, dann trägt das die ganze Ehe; das trägt auch durch viele kritische Phasen durch, seien es Geldsorgen, seien es Spannungen weil man sich zeitweilig auseinander lebt, seien es Krankheiten.

Nach vielen Jahren der Begleitung von Menschen glaube ich: Es gibt nichts, was Eheleute mehr verbindet und zu einer gelingenden Ehe beiträgt, als ein bewusstes gemeinsames Christsein.

Der gemeinsame Glaube an Gott entlastet auch: Nicht vom Ehepartner erwartet man alles Glück und Heil, sondern von Gott. Nicht die Ehefrau oder der Ehemann erlöst, sondern Gott.

Am 25. Juli haben ja wieder die Wagnerfestspiele begonnen. Der Fliegende Holländer wurde dieses Mal in der Premiere gespielt. Inzwischen habe ich mich an Wagner gewöhnt und eingehört. Auch berührt mich jedes Mal, welche Erlösungssehnsucht Wagner bewegt hat.

Im Fliegenden Holländer gibt es einen Mann, der über die Meere segelt und nur erlöst werden kann von einer Frau, die ihm wirklich treu ist. Er glaubt es nicht, dass sie es ist. Kein Wunder, dass diese Oper schlecht ausgeht. Unsere christliche Erlösung sieht anders aus. Kein Mann wird erlöst durch seine Frau und keine Frau durch ihren Mann, sondern beide durch Christus.

Der Bund mit Christus entlastet den Ehebund vor Überforderung von Sehnsüchten, die man alle vom anderen erfüllt haben will, die aber der andere nie alle erfüllen kann. Glücklich der Ehebund, der im Bund Gottes mit uns geborgen ist.

Was aber, liebe Gemeinde, wenn der Glaube die Eheleute nicht verbindet? Wenn der Satz: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“ nicht gesprochen werden kann, weil es dieses „wir wollen“ nicht gibt?

Manchmal merkt man dann sogar, dass die Zeit des Patriarchats doch noch nicht ganz vorbei ist. Da saß eine Frau weinend bei einem Pfarrer und sagte: „Mein Mann ist nicht in der Kirche. Nachdem die Kirche das so genannte ´besondere Kirchgeld` eingeführt hat, muss er als Alleinverdiener nun doch Kirchensteuer zahlen. Dazu ist er nicht bereit. Er sagt: `Ich zahle Dir mit dem von mir verdienten Geld doch nicht Deine Kirchenzugehörigkeit. Trete gefälligst aus´.“

In dieser Familie gehört offensichtlich das vom Mann verdiente Geld nicht beiden gleichermaßen, obwohl sie den Haushalt führt und das Kind erzieht. Modernes Patriarchat!
Die Frau beugte sich dem Druck und trat aus. Sie hielt das aber nicht aus und trat dann einige Jahre später wieder ein. Tapfer!

Es ist so wichtig, dass wir – seien wir gläubig oder nicht - einander freigeben unseren Glauben zu leben oder nicht zu leben – insbesondere in den Ehen und Familien.

Gehen wir aber ruhig einmal davon aus, dass der Josua von heute mit seiner Frau im Konsens sagen kann: „wir wollen dem Herrn dienen“. Josua ist anerkannt. Er ist eine Leitungspersönlichkeit. Er tritt vor die Volksversammlung und sagt solch einen Satz.

Solch ein Satz - in einer passenden Situation gesagt – würde auch heute beeindrucken. In unserem Bibelwort reagiert das Volk und sagt: „Auch wir werden nicht den anderen Göttern dienen. Wir werden nicht den Herrn verlassen.“

Sie antworten nicht so entschieden wie Josua selbst. Sie sagen nicht, dass sie dem Herrn dienen wollen, aber sie sagen, dass sie nicht anderen Herren dienen wollen. Immerhin!

Als lutherische Theologin muss ich sagen: Es wäre gut, wenn sich die Menschen im Volk dazu entschließen könnten, nicht nur zu sagen: „Wir wollen nicht anderen Göttern dienen“, sondern positiv: „Wir wollen dem Herrn dienen“.

Unser Luther war manchmal ziemlich plakativ in seiner Ausdrucksweise. In seiner Schrift „Vom unfreien Willen“, schreibt er - ich fasse seine Aussage zusammen:
Der Mensch ist ein Reittier, das geritten wird. Es wird geritten, fragt sich nur durch wen. Wenn nicht Christus im Sattel sitzt, dann der Teufel. Etwas Drittes gibt es nicht. Es gibt kein Machtvakuum. Und der, der denkt, er sei sein eigener Herr und nur der eigene Wille zählt, der gibt doch nur der Ichsucht und Gottlosigkeit Raum, eben dem Teufel. In die Freiheit läuft das Reittier nur, wenn Christus im Sattel sitzt.

Josua sagt sehr klar: „Wir wollen dem Herrn dienen“. Gott sitzt im Sattel und ich trage ihn in die Welt. Sein Glaube an Gott hat Josua zu einem freien, aufrechten Menschen gemacht.

Doch nochmals zurück zu den Familien, in denen nur einer so eindeutig redet, wie Josua. Das ist keine einfache Situation. Wie viel Mütter oder Väter sind richtig traurig, dass sich ihre Kinder nicht zur Kirche halten. Viele Frauen leben den Glauben ohne ihren Mann - und umgekehrt. Manchmal auch die Kinder ohne die Eltern.
Manchmal fühlen sich solche Menschen richtig allein. Manche beginnen dann an sich selbst zu zweifeln und der eigene Glaube wird müde.

Unser Predigttext ist eine ermutigende Geschichte, Vorbild zu sein. Durch die eindeutige Aussage von Josua äußert sich auch das Volk und sagt immerhin: „Auch wir wollen Gott nicht verlassen“.

Auch wir Gottesdienstbesucher, die eine Minderheit sind: unsere Worte und unser Leben wirkt. Dass Sie heute morgen hergelaufen oder hergefahren sind zur Kirche sind ein Zeugnis und ein Vorbild. Jedes Volk braucht Vorbilder. Eine Volkskirche wird nur bestehen, wenn es Menschen gibt, die eindeutig sind.

Erst neulich habe ich wieder eine ermutigende Geschichte gehört. Eine junge Frau erzählte mir: Ihre Eltern waren zwar in der Volkskirche, doch gingen kaum zur Kirche. Sie aber fing im Konfi-Unterricht Feuer und begann ihren Glauben zu leben und ging fast jeden Sonntag zum Gottesdienst.

Die Eltern waren beunruhigt und vermuteten Bigotterie. Aus Sorge um ihr Kind begleiteten sie es in die Kirche und spürten die Kraft der Gottesdienste. Sie spürten wie Gott ihnen dient in der Verkündigung und im Abendmahl und begannen auch selbst mit ihrem Leben Gott zu dienen. Sie begannen vor dem Essen zu beten, hängten ein Kreuz innen über die Wohnungstür. Viele Kleinigkeiten änderten sich durch das neu gelebte Christsein.

Liebe Gottesdienstgemeinde, vertrauen Sie darauf: Ihr Vorbild wirkt. Gerade wenn Sie allein sind in ihrer Familie oder im Freundeskreis - Sie sollen wissen, dass Gott doch durch Sie wirken wird.

Der Gang zum Gottesdienst hat dabei eine Schlüsselrolle. Gottesdienst bedeutet: wir dienen Gott mit unserem Gesang und unserem Gebet. Und Gott dient uns durch sein ermutigendes Wort und das stärkende Sakrament.

Unsere Aufgabe ist es nicht, denen, die nicht kommen, ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern fröhlich unseren Glauben zu leben und wenn sich die Gelegenheit bietet auch einzuladen: „Ich will morgen in den Gottesdienst gehen, komm geh mit“.
Manche werden dann antworten: „Morgen nicht, aber ich geh schon mal mit.“ - Immerhin!

Das Volk Gottes braucht Josuas in den Familien und Freundeskreisen. Es braucht uns, damit sein Haus voll werde. Haben Sie den Mut, Vorbild zu sein. Gott wird durch Sie wirken.

Amen